Nationalrätin ZrydNoten und Garderoben: «Brauchen Lösungen für Nonbinäre im Turnen»
Im Schulsport fehlen oft noch Antworten auf wichtige Fragen zur Inklusion nonbinärer Menschen. Wie kann man diese Herausforderungen bewältigen? Dazu Sportwissenschaftlerin und Nationalrätin Andrea Zryd.
Darum gehts
Nemo fordert nach dem ESC-Sieg mehr Inklusion und Akzeptanz für nicht binäre Menschen.
Schweizer Schulen stehen vor Herausforderungen bei der Inklusion nonbinärer Menschen im Sportunterricht.
Sportwissenschaftlerin Andrea Zryd betont die Notwendigkeit einfacher Lösungen und den Respekt gegenüber allen Beteiligten.
Nach Nemos Sieg am diesjährigen ESC wird in der Schweiz über Nonbinarität und einen dritten Geschlechtseintrag diskutiert. Das Gesangstalent macht sich für das Thema stark. Ein Treffen mit Bundesrat Beat Jans dazu soll bald stattfinden. Die Inklusion von nonbinären Menschen beschäftigt auch Schweizer Schulen, zum Beispiel in Bezug auf den Sportunterricht – im Interview Sportwissenschaftlerin und Nationalrätin Andrea Zryd.
Zur Person
Andrea Zryd ist SP-Nationalrätin im Kanton Bern. Die 48-Jährige ist Athletiktrainerin im Leistungs- und Spitzensport und engagiert sich in der Leistungsdiagnostik. Bis vor einem Jahr war sie zudem an einer Berufsschule als Sportlehrerin tätig. Zryd ist seit diesem Jahr im Vorstand des Vereins Swiss Diversity.
Wie ist die aktuelle Situation im Sportunterricht in Bezug auf Diversität?
In der Schule ist Sport für alle obligatorisch, auch zum Beispiel für Personen mit einer körperlichen Behinderung. Sport- und Bewegungsförderung soll allen zugänglich sein und als Chance genutzt werden. In Bezug auf nonbinäre Menschen gibt es aber noch einige Herausforderungen.
Welche?
Es gibt noch keine befriedigende Lösung zur Notenregelung oder etwa zu neutralen Umkleidekabinen. Wegen dieser offenen Fragen wurde bisher oft der Weg des geringsten Widerstandes gesucht und nonbinäre oder trans Menschen liessen sich vom Sportunterricht dispensieren. Meiner Meinung nach ist das falsch.

Laut Zryd stehen die Schweizer Schulen vor Herausforderungen.
20min/Matthias SpicherWie sollte die Alternative aussehen?
Wir sollten versuchen, unkomplizierte Lösungen zu erarbeiten und dabei Einzel- und Speziallösungen zu vermeiden. Der Grund: Dadurch entstehen oft grössere Probleme. Auch führen sie oft zur Diskriminierung aller Beteiligten.
Was meinen Sie damit?
Es ist wichtig, dass sich alle wohlfühlen. Es darf also nicht sein, dass sich zum Beispiel eine Frau in der Umkleide nicht mehr wohlfühlt, weil sich eine nonbinäre Person, in der Expression männlich, in derselben Kabine umzieht. Eine einfache Lösung wäre, einen abgetrennten Bereich einzurichten, um mehr Privatsphäre zu gewährleisten. Schlussendlich ist es immer eine Frage des Respekts und der Sensibilität gegenüber den Bedürfnissen aller Schülerinnen und Schülern.
Nonbinäre Menschen in der Schweiz
In der Schweiz bezeichneten sich laut der Ipsos-Studie vom Sommer 2023 drei Prozent der Befragten als nonbinär oder gender-fluid. Bei der Generation Z, also Personen, die 1997 oder später geboren sind, waren es sechs Prozent.
Es wird auch immer wieder über die Notengebung diskutiert.
Im Sportunterricht sollen alle individuell gefördert werden und Spass an der Bewegung haben. Die Notengebung ist zweitrangig – muss aber diskutiert werden. Beispielsweise bei Leichtathletikdisziplinen muss es eine Regelung geben, da hier physische Unterschiede spätestens nach der Pubertät eine Rolle spielen. Jungen haben aufgrund ihres höheren Testosteronspiegels mehr Muskelmasse und sind schneller. Bei Spielsportarten spielt das Geschlecht oft keine grosse Rolle. Wichtig ist, individuelle Fortschritte und Leistungen zu berücksichtigen und faire Bewertungsmassstäbe zu setzen.
«Eine einfache Lösung wäre, einen abgetrennten Bereich in der Umkleidekabine einzurichten, um mehr Privatsphäre zu gewährleisten.»
Vor allem im Leistungssport ist der Umgang mit trans Menschen ein kontroverses Thema.
Im Leistungssport gibt es vonseiten der Verbände internationale Guidelines, die sicherstellen sollen, dass der Wettbewerb fair bleibt. Diese Regeln sind wichtig, um sicherzustellen, dass niemand durch hormonelle Gegebenheiten benachteiligt oder bevorzugt wird. Im Leistungssport sind binäre Systeme wohl unumgänglich. Das heisst aber nicht, dass wir uns keine Gedanken machen sollten, ob allenfalls bei gewissen Sportarten nonbinäre Modelle anwendbar wären.
«Sport hat das Potenzial, eine Vorreiterrolle bei der Inklusion zu übernehmen und ein Beispiel für andere Bereiche der Gesellschaft zu sein.»
Wie sollte künftig der Sportunterricht in der Schule aussehen?
Ich wünsche mir, dass Inklusion und Diversität im Sport zur Selbstverständlichkeit werden. Wir müssen weiter daran arbeiten, Vorurteile abzubauen und eine Kultur des Respekts und der Wertschätzung zu fördern. Sport hat das Potenzial, eine Vorreiterrolle bei der Inklusion zu übernehmen und ein Beispiel für andere Bereiche der Gesellschaft zu sein.
Wie empfindest du die derzeitige Situation zur Inklusion nonbinärer Menschen im Sportunterricht?
Wirst du oder wird jemand, den du kennst, aufgrund der Geschlechtsidentität diskriminiert?
Hier findest du Hilfe:
Gleichstellungsbüros nach Region
Gleichstellungsgesetz.ch, Datenbank der Fälle aus Deutschschweizer Kantonen
Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann
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