From Russia with LoveIn Wien enttarnt – arbeiten solche Spioninnen auch bei uns?
Eine Spionin überwacht in Wien hohe Politiker und Journalisten. Selbst von Mord ist die Rede. Dass derlei auch in der Schweiz passiert, ist laut NDB «äusserst wahrscheinlich».
Darum gehts
Eine bulgarische Spionin hat in Wien im Auftrag eines russischen Netzwerks Politiker und Journalisten verfolgt.
Auch Entführung und Mord wurden diskutiert. Dazu war sie Teil einer Desinformationskampagne in deutschsprachigen Ländern.
Geführt wurde der Ring vom Österreicher Jan Marsalek, dem flüchtigen Ex-Wirecard-Vorstand.
Der Fall zeigt das Ausmass und die ausgeklügelten Methoden russischer Spionagenetzwerke in Europa auf.
Es ist «äusserst wahrscheinlich», dass ausländische Spione auch Schweizer Politiker und Medienschaffende überwachen, so der Nachrichtendienst NDB.
Die Bulgarin Tsvetanka D. hat in Wien hohe Politiker sowie Journalisten und Journalistinnen ausspioniert. Sie war Teil eines russischen Spionagenetzwerks, das wenige Wochen nach Ausbruch des Ukraine-Krieges gegründet worden war.
Die Zelle operierte von Grossbritannien aus, wie sich am noch laufenden Prozess gegen die Mitglieder in London zeigte. Die Spione waren aktiv in Stuttgart, Wien, Valencia und Montenegro. Angeleitet wurde die Gruppe von Jan Marsalek, dem flüchtigen österreichischen Ex-Wirecard-Vorstand (siehe Bildstrecke).
Desinformation, Entführung und Mord
Anvisiert war eine gross angelegte Desinformationskampagne in Österreich und anderen deutschsprachigen Ländern. Zu den Zielen der Zelle gehörten zudem Journalisten, die sich mit russischer Spionage befassen. Marsalek diskutierte mit dem Chef des Rings über Entführung und Mord. Einer der Journalisten, Roman Dobrochotow, sagte der BBC, er denke, dass letztlich Wladimir Putin verantwortlich sei.
Die in Wien aktive Tsvetanka D. spielte laut österreichischem Innenministerium eine wichtige Rolle. Sie fungierte als nachrichtendienstlicher Kontakt und wurde für die Desinformationskampagne und Überwachungen eingesetzt.
D. sorgte dafür, dass in Wien Aufkleber und Graffitis mit rechtsextremen Symbolen und nationalistischen Parolen auftauchten, etwa am sowjetischen Kriegsdenkmal. Das sollte den Anschein erwecken, dass dahinter pro-ukrainische Aktivisten steckten.
Sie überwachte hochrangige österreichische Beamte, darunter den Chef des Geheimdienstes, Omar Haijawi-Pirchner.
Sie bespitzelte Journalisten und Journalistinnen wie Christo Grozev (beim Investigativportal Bellingcat) und Anna Thalhammer (Chefredaktorin Nachrichtenmagazin «profil»).
Oft sass sie in einem teuren Restaurant gegenüber Thalhammers Büro. Wegen der hohen Rechnungen verlangte sie von den Köpfen des Rings mehr Geld und erhielt das auch. Um sein Heim fotografieren zu können, zog sie gegenüber dem Investigativjournalisten Christo Grozev ein.
Nachdem Marsaleks Netzwerk in Grossbritannien aufflog und der Name von Tsvetanka D. ans Licht kam, nahm die österreichische Polizei die Bulgarin im Dezember 2024 fest.
Sie habe gestanden, Teil der Gruppe im Solde des russischen Geheimdienstes gewesen zu sein, erklärte das Innenministerium letzten Montag in Wien. Zum Entsetzen der Journalistin Thalhammer ist D. aus der Untersuchungshaft entlassen worden.
Auch unsere Politiker und Journalisten betroffen
Wie Österreich mit Wien gilt auch die Schweiz mit Genf seit Jahrzehnten als Hub für ausländische Spione. Verfolgen und überwachen sie auch unsere Politiker und Journalisten? Ziemlich sicher ja, meint der Schweizer Nachrichtendienst auf Anfrage.
«Der NDB hält es für äusserst wahrscheinlich, dass ausländische Nachrichtendienste – darunter die russischen – schweizerische und ausländische Politikerinnen, Politiker und Medienschaffende, die entweder in der Schweiz wohnhaft sind oder sich nur für eine gewisse Dauer hier aufhalten, aufklären», heisst es auf Anfrage von 20 Minuten.
«Kann nicht grundsätzlich verhindert werden»
Diese Überwachung geschehe jedoch nicht nur mit Nachrichtendienstoffizieren und Agentennetzwerken vor Ort, sondern auch durch andere Methoden wie Recherchen im Internet, Cyberangriffen und Kabelaufklärung.
Eine viel grössere Spionagebedrohung für schweizerische Politikerinnen, Politiker und Medienschaffende geht laut NDB aber vor allem bei Aufenthalten im Ausland aus, insbesondere in autoritär regierten Staaten.
«Denn auf dem eigenen Territorium haben Nachrichtendienste mehr Möglichkeiten», wie der Dienst schreibt. Gleichzeitig müssten sie sich auch weniger Gedanken über die gegnerische Spionageabwehr machen. «Somit kann Spionage gegen Politikerinnen, Politiker, Medienschaffende und andere Personen nicht grundsätzlich verhindert werden.»
Den Aufwand für Agenten erhöhen
Von Spionage betroffene Personen und Organisationen können laut dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB) mit angepasstem Verhalten und Sicherheitsmassnahmen «den Aufwand ausländischer Nachrichtendienste erhöhen».
Der NDB selbst erschwert die Spionage in der Schweiz, indem er auch eng mit den Bundes- und Kantonsbehörden arbeitet. So gibt er etwa Empfehlungen ab – bei Aufenthaltsgenehmigungen, diplomatischen Akkreditierungen, Einbürgerungen und Visumsgesuchen – oder sorgt mit seinen Meldungen für die Aufnahme von Strafverfahren.
Der NDB hält fest: Letztlich ist die effizienteste und effektivste Massnahme gegen Spionageaktivitäten im Land, Einreise und Aufenthalt von erkannten Nachrichtendienst-Offizieren und Agenten zu verhindern. Dafür zuständig ist das Bundesamt für Polizei (fedpol).
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