Lungenkrebs: Patienten kämpfen mit neuem Verein gegen Vorurteile

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Vorurteile«Hast du geraucht?»: Lungenkrebs-Kranke kämpfen mit blöden Fragen

Lungenkrebs ist nicht nur häufiger und tödlicher als andere Krebsarten, sondern auch mit Vorurteilen behaftet. 20 Minuten hat mit Betroffenen gesprochen.

Sieben Jahre nach der Diagnose ist Cinzia Di Grandi (54) krebsfrei. Wenn jemand sie angesichts ihrer Lungenkrebs-Geschichte fragt, ob sie geraucht habe, kontert sie.
Sie sagt dann: «Es gibt viele Lungenkrebs-Patienten, die nie geraucht haben.» Cinzia Di Grandi in ihrem Kosmetikstudio in Emmenbrücke LU.
Ernst Honegger (76) bekam Ende 2022 eine Lungenkrebs-Diagnose. Heute gehe es ihm wieder sehr gut, sagt er.
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Sieben Jahre nach der Diagnose ist Cinzia Di Grandi (54) krebsfrei. Wenn jemand sie angesichts ihrer Lungenkrebs-Geschichte fragt, ob sie geraucht habe, kontert sie.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Lungenkrebs gehört zu den häufigsten und tödlichsten Krebsarten.

  • Doch Betroffene kämpfen auch mit Schuldgefühlen und Vorurteilen.

  • Deshalb gibt es jetzt den Verein Leben mit Lungenkrebs.

  • Die Betroffene Cinzia Di Grandi (54) erzählt von ihren Erfahrungen.

Lungenkrebs gehört zu den häufigsten und tödlichsten Krebsarten. Doch Lungenkrebs-Patienten kämpfen nicht nur mit der Angst vor dem Krankheitsverlauf und dem Tod, sondern auch gegen Vorurteile. «Hast du geraucht?» Das ist oft die erste Frage, die sie hören, wenn sie von der Krankheit erzählen. Damit suggeriert das Gegenüber eine mögliche Mitschuld am Krebs, was so nicht gerechtfertigt ist.

Rauchen ist zwar der Hauptrisikofaktor für Lungenkrebs (siehe Box 1), aber es begünstigt nicht nur diese Krebsart, sondern auch andere. Umgekehrt sind 15 Prozent aller Lungenkrebsfälle nicht durch Rauchen verursacht.

Rauchen, Feinstaub, Radon

Die wichtigste Ursache für Lungenkrebs ist Rauchen, aber nicht die einzige. Auch Passivrauchen gilt als wichtige Ursache, ausserdem Schadstoffe wie Asbest, Arsen, Chrom- und Nickelverbindungen, radioaktive Strahlung und Röntgenstrahlen, etwa durch Flüge und medizinische Untersuchungen, Radon, Dieselruss und frühere Erkrankungen wie etwa Tuberkulose. Ferner auch HI-Viren, erbliche Veranlagung, Ernährung und Bewegung.

So oder so sei es nicht angebracht, die Frage zu stellen, sagt Cinzia Di Grandi (54), die 2017 Lungenkrebs bekam und heute dank Strahlen- und Immuntherapie sowie einer Operation wohlauf ist. «Verunfallten Skifahrern gibt man ja auch nicht eine Mitschuld, nur weil sie Ski fahren gegangen sind. Oder man würde auch nicht jemanden mit Leberzirrhose fragen, ob er zu viel getrunken habe.» Sie selbst hat tatsächlich geraucht, wenn auch einige Jahre vor der Diagnose nicht mehr. «Wenn jemand mich fragt, ob ich geraucht habe, kontere ich: Es gibt sehr viele Lungenkrebs-Betroffene, die nie geraucht haben.»

Heute führt Cinzia Di Grandi, Mutter zweier erwachsener Kinder, wieder ihr Kosmetikstudio in Emmenbrücke im Teilzeit-Pensum. Und sie engagiert sich im neuen Verein Leben mit Lungenkrebs. Es gehe ihr darum, anderen Mut zu machen. Nach der Diagnose sei sie «ein Fall für die Palliativmedizin» gewesen. Mit Lungentumor und diversen Ablegern sind die Überlebenschancen nicht sehr hoch. Doch ihr Arzt war zuversichtlich. Sieben Jahre später ist sie krebsfrei. «Zwei Drittel des einen Lungenflügels wurden mir bei der Operation entfernt. Doch es geht mir relativ gut.»

Die Frage liegt in der Luft

Die Bernerin Renata Widmer (66) hat nie aktiv geraucht, nur passiv. Die meisten Menschen in ihrem Umfeld wissen das, und auch, dass sie einen gesunden Lebensstil gepflegt hat. Deshalb wird sie angesichts ihrer Lungenkrebs-Diagnose kaum je gefragt, ob sie geraucht habe. Und trotzdem: «Im Gespräch mit anderen Personen habe ich oft das Gefühl, mich erklären zu müssen und zu sagen, dass ich nicht geraucht habe. Ohne dass ich explizit danach gefragt werde.»

«Ich habe oft das Gefühl, mich erklären zu müssen.»

Renata Widmer (66), Lungenkrebs-Betroffene

Das erlebt auch Ernst Honegger (76) so, der vor gut einem Jahr die Diagnose bekam. Heute gehe es ihm wieder sehr gut, sagt er. Auch er registriert, dass die Frage nach dem Rauchen präsent ist. Doch sie stört ihn nicht. Er hat tatsächlich über 50 Jahre geraucht, früher manchmal mehrere Päckli am Tag. Doch er habe sich so vielen Risiken im Leben ausgesetzt, Rauchen sei bestimmt nicht das Schlimmste gewesen.

Von seiner Toggenburger Mutter habe er seine positive Art und das Vertrauen geerbt, sagt Honegger, der in Bern lebt. «Krebspatienten können viel zu ihrer Genesung beitragen, indem sie positiv denken und aktiv bleiben.»

Häufigste Krebsarten

Jährlich erkranken in der Schweiz rund 45’000 Personen an Krebs, etwas über 17’000 Personen sterben jedes Jahr daran. Lungenkrebs gehört nach Prostatakrebs und Brustkrebs zu den häufigsten Arten. Die statistische Chance, fünf Jahre nach einer Lungenkrebs-Diagnose noch zu leben, beträgt etwa ein Drittel. Zum Vergleich: Bei Prostata- und Brustkrebs beträgt die Fünf-Jahre-Überlebensrate rund 90 Prozent.

Der Verein Leben mit Lungenkrebs wurde vor gut zwei Jahren gegründet. «Jetzt möchten wir stärker wachsen», sagt Co-Präsident Daniel Black, der seinen Vater an Lungenkrebs verloren hat. Bislang zählt der Verein rund 50 Engagierte, die in der Aufbauphase geholfen haben. Nun werde der Vorstand erweitert und weitere Mitglieder seien willkommen.

Keine Krebsart sei so stark mit Vorurteilen verbunden wie Lungenkrebs, sagt Black. Das könne bei Betroffenen Schuldgefühle und Scham auslösen und zu Angstzuständen und Depressionen führen. Lungenkrebs-Patienten trauten sich weniger, über ihre Krankheit zu reden, sie zögerten eher, Hilfe zu holen. Diese Plattform zu gründen, sei deshalb zwingend gewesen. Auch angesichts der Schwere und Häufigkeit der Krankheit.

Kennst du jemanden, der Lungenkrebs hat?

Hast du oder hat jemand, den du kennst, die Diagnose Krebs erhalten?

Hier findest du Hilfe:

KrebsInfo der Krebsliga, Tel. 0800 11 88 11

Peerplattform der Krebsliga

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