Wegovy: Erleichtern Diätspritzen das Gesundheitssystem?

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Diät für GesundheitskostenEntlasten Wegovy und Co. am Ende das Gesundheitssystem?

Gewichtsreduzierende Medikamente, wie Wegovy und Co. erfreuen sich in der Schweiz grosser Beliebtheit – und treiben die Kosten in die Höhe. Doch die Vorteile könnten das System auf Dauer entlasten.

Wegovy kostete - im Juli allein - die Prämienzahlenden fünf Millionen Franken. «Diät-Spritzen» sind in der Schweiz angesagt.
Santésuisse rechnet damit, dass in der Schweiz 2 Prozent der Erwachsenen in der Schweiz das Medikament nutzen werden. Das würde Kosten von 360 Millionen Franken mit sich bringen – ungefähr einem Prämienprozent.
In dieser Rechnung sind Arztbesuche und Ernährungsberatungen noch gar nicht mit einberechnet.
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Wegovy kostete - im Juli allein - die Prämienzahlenden fünf Millionen Franken. «Diät-Spritzen» sind in der Schweiz angesagt.

IMAGO/NTB

Wegovy: Darum gehts

  • Diätspritzen wie Wegovy und Monunjaro erobern die Schweiz. Santésuisse rechnet damit, dass zwei Prozent der Erwachsenen in der Schweiz das Medikament nutzen werden.

  • Das koste die Prämienzahlerinnen und Prämienzahler 360 Millionen Franken oder etwa ein Prämienprozent.

  • Experten sehen aber auch die Chance auf eine Entlastung der Gesundheitskosten aufgrund einer geringeren Krankheitslast durch die breite Nutzung der Medikamente.

Seit dem 1. März ist Wegovy kassenpflichtig. Nach 4 Monaten bezahlen die Prämienzahlerinnen und Prämienzahler bereits 5 Millionen pro Monat für das Medikament. Diätspritzen überrollen die Schweiz – und das Gesundheitssystem.

Tendenz: «stark steigend». Die Kostenkurve für Wegovy zeige sehr steil nach oben, sagt Santésuisse auf Anfrage. Die Ausgaben der Krankenkassen – und somit der Prämienzahlenden – werden steigen. Doch für wie lange?

Angespannte Versorgungslage

«Aufgrund der weltweit hohen Nachfrage ist die Liefersituation angespannt», sagt der Pharmakonzern Novo Nordisk, der die Abnehmspritzen Wegovy und Saxenda und das Diabetes-Medikament Ozempic herstellt.

Vor allem bei Saxenda führe die weltweit hohe Nachfrage wiederholt zu vorübergehenden Lieferengpässen. «Dies ist auch der Grund für den jetzigen Lieferunterbuch in der Schweiz.» Ozempic sei momentan kontingentiert erhältlich, um eine möglichst kontinuierliche Versorgung zu gewähren. Bei Wegovy gebe es zurzeit keine Einschränkungen.

360 Millionen Franken nur für Wegovy

Santésuisse rechnet die Kosten für Wegovy vor: Von den 7,25 Millionen Erwachsenen in der Schweiz schätzen sie, dass zwei Prozent das Medikament nutzen werden. Mit jährlichen Therapiekosten von 2'500 Franken pro Person ergibt das 360 Millionen Franken.

«Das entspricht einem Prämienprozent», so Santésuiesse. Die notwendigen Arztbesuche und Ernährungsberatung komme noch obendrauf. «Neue Medikamente wie Wegovy können für die Betroffenen wichtig sein. Klar ist aber auch, dass die Kosten sehr stark steigen.»

In den 360 Millionen für Wegovy sind Arztbesuche und Ernährungsberatungen noch gar nicht mit einberechnet.

In den 360 Millionen für Wegovy sind Arztbesuche und Ernährungsberatungen noch gar nicht mit einberechnet.

Urs Jaudas/Tamedia

«Behandlungskosten könnten sinken»

Die Diätspritzen könnten aber auch als Chance gesehen werden. Denn: Übergewicht und Adipositas erhöhen das Risiko für Diabetes, Arthrose, Herzinfarkte und viele weitere Erkrankungen deutlich. Weitverbreitete Krankheiten die ins Geld gehen. So wurde wurde Wegovy erst kürzlich für Herzprobleme in Grossbritannien zugelassen. Auch in der Schweiz ist eine Zulassungserweiterung für die Risikoreduktion von Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingereicht, wie Hersteller Novo Nordisk auf Anfrage bestätigt.

«Gelingt es, mit den neuen Medikamenten, die Häufigkeit dieser Erkrankungen zu reduzieren, könnten auch die Behandlungskosten entsprechend sinken», erklärt Prof. Dr. Simon Wieser vom Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW.

Endokrinologe sieht Potenzial

Endokrinologe Philipp Gerber stimmt dem zu: «Grundsätzlich kann man mit den Medikamenten das Gewicht teilweise dramatisch reduzieren und damit auch Folgeerkrankungen und -kosten verhindern.»

Übrigens könnte sich Gerber vorstellen, dass die Spritzen auch in anderen Bereichen eingesetzt werden: «Zumindest die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ergibt Sinn. Dazu gibt es bereits jetzt vielversprechende Daten, etwa von Wegovy.»

Wichtig sei dafür aber, dass das Gewicht konstant unten bleibe. Nur so könne das Risiko bei diesen Krankheiten geschmälert werden. «Ein nachhaltiger Gewichtsverlust kann die Lebensqualität und die Lebenserwartung der Betroffenen durch eine geringere Krankheitslast deutlich verbessern.»

Wegovy könnte bald günstig und für alle kommen

Und was machen die Preise der Spritzen? Wieser vergleicht die Situation mit der Diskussion um die hochwirksamen, aber sehr teuren Medikamente zur Behandlung von Hepatitis C vor etwa zehn Jahren.

«Damals haben erst nur Patienten im fortgeschrittenen Stadium die Medikamente bekommen.» Mit der Zeit seien die Preise aber gesunken, auch weil verschiedene Pharmafirmen solche Medikamente entwickelt haben. «Heute haben alle Betroffenen Zugang zu diesen Behandlungen.»

Die gewichtsreduzierenden Medikamente könnten bald günstiger und für alle verfügbar sein.

Die gewichtsreduzierenden Medikamente könnten bald günstiger und für alle verfügbar sein.

IMAGO/Levine-Roberts

Für die gewichtsreduzierenden Medikamente könnte der Verlauf ähnlich aussehen. Während aktuell der Preis und die Nachfrage sehr hoch sind, entwickeln diverse Firmen bereits vergleichbare Medikamente. Bald könnten Ozempic und Wegovy günstig und für alle verfügbar sein.

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Krankenkassen sind kritisch

Werden wir also dank Wegovy und Ozempic zur gesünderen Gesellschaft mit tieferen Gesundheitskosten? In der Theorie wäre dies zumindest möglich. Wieser gibt aber zu bedenken, dass entsprechende Studien für die Schweiz noch nicht vorhanden sind.

Santésuisse ist dem gegenüber kritisch eingestellt – ebenfalls mit Verweis auf fehlende Studien. «Wir sehen darüber hinaus nicht, dass nennenswert Kosten gespart würden».

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