Royal-Krise in Norwegen«Ich bin optimistisch, dass die norwegische Monarchie bald fällt»
Noch steht eine Mehrheit der norwegischen Bevölkerung hinter dem Königshaus – trotz aller Skandale. Doch der Präsident der Anti-Monarchie-Bewegung Norge som republikk hat Blut gerochen. 20 Minuten hat ihn in Oslo getroffen.
Darum gehts
- Anti-Monarchist Craig Aaen-Stockdale fordert die Abschaffung der norwegischen Monarchie.
- Er bezeichnet das System als undemokratisch und eine Verletzung der Menschenrechte.
- Die Zustimmung zur Monarchie ist stark rückläufig und hängt an König Harald.
- Aaen-Stockdale glaubt, dass Kronprinz Haakon nicht denselben Rückhalt hat, wie er 20 Minuten im Gespräch in Oslo erklärt.
Craig Aaen-Stockdale, der norwegische Palast hat mitgeteilt, dass sich König Harald V. (89) im Spital auf Teneriffa von seiner Infektion erholt hat. Sind Sie erleichtert?
Craig Aaen-Stockdale: Ja. Denn einer der Gründe, warum ich ein Anti-Monarchie-Aktivist bin, ist ein Mass an Mitgefühl für die königliche Familie selbst. Ich empfinde das System der Monarchie als Verletzung ihrer Menschenrechte.
Inwiefern?
Ein fast 90-jähriger Mann muss diesen fordernden Job machen, bis er stirbt. Seine Nachfahren sind in diese Institution hineingeboren worden oder heiraten hinein wie Mette-Marit. Sie alle sind in diesem goldenen Käfig gefangen. Von aussen sieht es nach Luxus aus. Das Recht auf ein Privatleben oder die freie Berufswahl wird ihnen jedoch genommen. Besonders bei den königlichen Kindern ist es so, dass sie als Requisiten benutzt werden, um eine emotionale Bindung zur Bevölkerung aufzubauen. Wenn sie älter und weniger niedlich werden, schiebt man sie beiseite. Das haben wir bei Marius Høiby gesehen. Einerseits wird ihm gesagt, er sei etwas Besonderes, andererseits gehört er nicht richtig dazu. Das entschuldigt sein Verhalten nicht, aber es erklärt vielleicht den psychologischen Schaden.
Trotz der Skandale um Prinzessin Märtha Louise (54), Kronprinzessin Mette-Marit (52) und deren Sohn Marius (29) hat im Februar 60 Prozent der norwegischen Bevölkerung in einer Umfrage angegeben, dass sie hinter der Monarchie steht. Als Präsident der Anti-Monarchisten müssen Sie frustriert sein.
Nein, denn diese 60 Prozent sind im norwegischen Kontext eigentlich katastrophal. 2017 waren es noch 81 Prozent, seitdem sinkt der Wert stetig. Die aktuelle Popularität hängt stark an König Haralds Persönlichkeit. Er ist ein charismatischer, netter alter Mann. Prinzessin Märtha Louise, Durek Verrett und Mette-Marit sind momentan extrem unpopulär. Wenn Harald nicht mehr da ist, wird die Institution in Schwierigkeiten geraten. Sein Sohn Haakon hat bei weitem nicht denselben Rückhalt. Ich bin optimistisch, dass die norwegische Monarchie die nächste in Europa ist, die fällt.
Allerdings hat die Bevölkerung bereits einmal die Gelegenheit ausgelassen, zur Republik zu werden: Als Norwegen 1905 unabhängig von Schweden wurde, hat die Bevölkerung Ja zur institutionellen Monarchie gesagt und einen dänischen Royal zum norwegischen König gemacht.
Ja, die Mythen besagen, wir hätten einen demokratisch gewählten König. Tatsächlich gab es 1905 keine echte Wahl zwischen Republik und Monarchie. Die Regierung hatte den Plan, Prinz Carl von Dänemark einzuladen, und das Volk durfte nur mit Ja oder Nein zu diesem Plan der Regierung stimmen. Zudem durften nur Männer wählen, die Land besassen oder ein gewisses Einkommen hatten – das waren nur etwa 60'000 Leute. Das war nicht repräsentativ.
In der Schweiz müssten wir für die Abschaffung 100'000 Unterschriften sammeln und dann gäbe es eine Volksabstimmung über die Monarchie. Wie sieht es in Norwegen aus?
Technisch gesehen brauchen wir keine Volksabstimmung. Es ist eine Entscheidung des Parlaments. Man benötigt eine Zwei-Drittel-Mehrheit, dann wird das Parlament aufgelöst, und das nächste Parlament muss die Entscheidung erneut mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit bestätigen. Am 3. Februar gab es eine Abstimmung darüber. Obwohl die Monarchie so unpopulär wie lange nicht mehr ist, sank die Zahl der Stimmen für eine Republik im Vergleich zum letzten Mal sogar. Politiker sind generell pro-monarchischer als der Rest der Bevölkerung, vielleicht wegen des Ordenssystems oder der Galadinner im Schloss. Monarchie fördert eine Form von Korruption vor aller Augen.
Haben Sie ein Beispiel dafür?
Ja: Der Palast hat für 20 Millionen Kronen einen Sarkophag für Harald und Sonja (88) in Auftrag gegeben – ohne öffentliche Ausschreibung, vergeben an Snøhetta, deren Chef ein Freund der Königin ist. Eigentlich müsste es bei jedem Projekt über 1,3 Millionen (100'000 Franken) eine Ausschreibung geben.
Was würde Norwegen gewinnen, wenn es die Monarchie abschafft?
Die Monarchie ist wie ein konstitutioneller Blinddarm. Man kann ihn entfernen, weil er keine Funktion hat. Um ihn zu behalten, geben wir viel Geld aus. Der Palast sagt, die Monarchie koste 300 Millionen Kronen im Jahr. Wir haben berechnet, dass es eher 600 Millionen (knapp 49 Millionen Franken) oder mehr sind, wenn man versteckte Kosten für Sicherheit und Reisen einbezieht. Das wichtigste Argument ist aber das Prinzip: Monarchie ist undemokratisch. Es ist institutionalisierte Vetternwirtschaft. Das höchste politische Amt des Landes sollte man nicht durch einen Geburtsunfall erben. Es widerspricht den Werten, auf die Norwegen stolz ist: Gleichheit, Liberalismus und Rationalität.
Was denkst du über Königsfamilien in der heutigen Zeit?
Wie viel Macht hat der König denn wirklich?
Wenn man Monarchisten kritisiert, hat der König keine Macht. Wenn es um Status geht, ist er Chef der Armee. Fakt ist: Er trifft sich wöchentlich mit dem Premierminister. Er hat keine funktionale Rolle in der Gesetzgebung, aber er ist reich und vernetzt. Er hat zweifellos politische und gesellschaftliche Macht.
Wo zeigt sich diese Macht?
Was diesen Februar passierte, war sehr verdächtig: Die alle vier Jahre stattfindende Abstimmung über die Abschaffung der Monarchie und Einführung der Republik sollte eigentlich im Juni 2026 stattfinden. Sie wurde aber plötzlich auf den Tag vorgezogen, an dem der Prozess gegen Marius Høiby begann. Wir glauben, das Parlament hat das vorgezogen, um die Sache vom Tisch zu haben, bevor belastende Details aus dem Prozess oder über den Palast ans Licht kommen. So haben sie nun vier Jahre Ruhe von diesem Thema.
Was wäre für Ihr Anliegen das Schlimmste, was sein Nachfolger Kronprinz Haakon dereinst machen könnte?
Ich schlage oft vor, Haakon einfach als ersten Präsidenten zu nominieren. Wenn er so populär ist, wie die Monarchisten sagen, würde er die Wahl gewinnen. Aber ich bezweifle das. Er übernähme den Posten in einer Phase, in der sein Stiefsohn im Gefängnis landen könnte und seine Frau mit Epstein in Verbindung gebracht wird. Das ist keine gute Ausgangslage. Das Ansehen Norwegens hat durch die königliche Familie bereits Schaden genommen.
Ist es nicht einfach menschlich, dass eine Patchwork-Familie Probleme hat?
Das Problem ist die Vermischung von Privat und Öffentlich. Sie beanspruchen Privatheit, wenn es um Skandale geht, aber sie sind eine öffentliche Institution, die Transparenz schuldet. Mette-Marit sagt, sie werde die Fragen zu Epstein «zu gegebener Zeit» beantworten, könne es aber jetzt nicht tun. Kein anderer Politiker käme mit so einer Antwort durch. Die Monarchie erlaubt es ihr, sich hinter dem Argument der «Privatsphäre» zu verstecken, während sie gleichzeitig die Privilegien eines öffentlichen Amtes geniesst.
Dario Aeberli (dae), Jahrgang 1995, arbeitet seit Oktober 2023 als People-Redaktor bei 20 Minuten. Zuvor war er Lokaljournalist und beim «Migros-Magazin».
