Psychische Gesundheit«Auch Väter leiden nach der Geburt unter Depressionen»
Trägheit und Traurigkeit nach der Geburt – nicht nur Frauen können postpartale Depressionen entwickeln, auch Männer sind davon betroffen. Darüber gesprochen wird kaum. 20 Minuten hat bei zwei Experten nachgefragt.
Darum gehts
Bis zu 20 Prozent aller Frauen leiden unter Depressionen nach der Geburt, sogenannten postpartalen Depressionen.
Auch Männer können Symptome entwickeln. Rund zehn Prozent sind betroffen.
Andrea Borzatta, Präsidentin von «Postpartale Depression Schweiz», spricht mit uns und erklärt, wieso diese Erkrankung noch immer ein Tabuthema ist.
Bist du auch betroffen oder kennst jemanden? Dann melde dich unten im Formular.
Niedergeschlagenheit, negative Gedanken und Antriebslosigkeit: Dass bis zu 20 Prozent der Frauen nach einer Geburt an einer postpartalen Depression leiden, gehört zu den grossen Tabuthemen unserer Gesellschaft. Was dabei jedoch kaum jemand berücksichtigt: Auch Männer können postpartale Depressionen zeigen. Die Erkrankungsrate liegt Studien zufolge bei rund zehn Prozent. Nur wenig ist darüber bekannt. Ändern möchte das Andrea Borzatta, Präsidentin von «Postpartale Depression Schweiz». Der Verband klärt auf und kämpft für Sichtbarkeit von Betroffenen. 20 Minuten hat mit Borzatta gesprochen:
Frau Borzatta, wie zeigt sich eine postpartale Depression bei Männern?
Bei Vätern zeigt sich eine postpartale Depression unter anderem durch Wut und Reizbarkeit oder auch durch eine Neigung zu vermehrten ausserhäuslichen Aktivitäten, sei dies in der Arbeit, beim Sport oder beim Alkoholkonsum oder durch eine konstante innere Unruhe. Auch körperliche Symptome wie etwa Magenbeschwerden können auftreten.
Auf Ihrer Webseite schreiben Sie, dass Männer von erkrankten Frauen ein besonders hohes Risiko für eine postpartale Depression haben.
24 bis 50 Prozent aller Männer, deren Frauen unter einer postpartalen Depression leiden, entwickeln selbst eine, deshalb müssen sie frühzeitig bei der Behandlung der Partnerin miteinbezogen werden. Vielfach rutschen die Väter erst dann in eine Krise, wenn es der Mutter bereits besser geht. Oft werden ihre Symptome aber übersehen.
Wie erkennt man, dass man unter postpartaler Depression leidet?
Auch wenn eigentlich für die Mutter entwickelt, kann der Edinburgh-Postnatal-Depressions-Skala-Fragebogen (EPDS) auch vom Vater ausgefüllt werden. Es handelt sich dabei um einen Fragebogen, der die Stimmungslage der letzten sieben Tage erhebt. Eine hohe Punktzahl deutet auf eine mögliche Depression hin. Der Fragebogen ersetzt keine Diagnose. Er gibt aber einen Hinweis darauf, ob weitere Abklärungen nötig sind.
Gibt es einen bestimmten Typ Mann, der darunter leidet?
Risikofaktoren sind unter anderem eine vorherige Depression, belastende Lebensumstände, wie etwa finanzielle Sorgen, mangelnde Unterstützung vom Umfeld, Paarprobleme oder unerfüllte Erwartungen an das Familienleben.
Was kann man dagegen tun?
Der erste Schritt ist in der Regel, sich selbst einzugestehen, dass man Hilfe braucht. Wenn das Thema offen angesprochen wird, fällt es Betroffenen meist leichter, über ihre bedrückenden Gefühle zu sprechen. Denn oft leiden sie im Stillen, aus Angst, man könnte sie als undankbar ansehen, oder aus Scham, dass sie der neuen Rolle nicht gerecht werden.
Inwiefern kann das die Beziehung der neuen Eltern oder das Baby beeinflussen?
Eine mögliche Erkrankung ist für das ganze Familiensystem eine grosse Belastung, sowohl für die Paarbeziehung als auch für die Entwicklung des Kindes. So haben Studien gezeigt, dass zum Beispiel emotionale Störungen von siebenjährigen Kindern unter anderem mit einer Depression des Vaters nach der Geburt zusammenhängen können.
«Die Erwartungen an Väter sind zu hoch»

Alessandro Barlocci, Vätercoach bei «Postpartale Depression Schweiz».
Privat«Männer neigen dazu, psychische Probleme zu verdrängen», sagt Alessandro Barlocci, Vätercoach bei «Postpartale Depression Schweiz». Barlocci unterstützt regelmässig Väter, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Die Erwartungshaltung der Gesellschaft und der Väter an sich selbst sei schlichtweg zu hoch, so der Vätercoach. «Sie sollen im Beruf erfolgreich, zu Hause ein aktiver und engagierter Papi, ein guter Hausmann und guter Ehemann sein – dem allen gerecht zu werden, ist unmöglich.» Hilfe in Anspruch zu nehmen, falle Vätern häufig besonders schwer, deshalb sei die Gefahr, dass die Symptome der Väter unterschätzt würden oder unerkannt blieben, gross.
Hast du auch unter postnataler Depression gelitten oder leidest noch immer? Erzähle uns davon hier unten im Formular.
Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?
Hier findest du Hilfe:
Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858
Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen
Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55
Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen
VASK, regionale Vereine für Angehörige
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143
Angst- und Panikhilfe Schweiz, Tel. 0848 801 109
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