Spionage in der Schweiz: Russland nutzt neutrale Position aus

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«Enttarnt»«Die Schweiz macht sich selbst zu einem Spionageparadies»

Die Schweiz ist ein Paradies für Spione – insbesondere für russische Agenten. Journalist und Autor Thomas Knellwolf widmet sich in seinem neuen Buch den grössten Spionagefällen des Landes. Ein Interview.

Thomas Knellwolf ist ein Schweizer Journalist beim «Tages-Anzeiger». Er sagt: «Die Schweiz gehört zu den wenigen Ländern, die nicht konsequent gegen Spionage vorgehen.»
In seinem Buch «Enttarnt» beleuchtet Thomas Knellwolf einige der grössten Spionagefälle in der Schweiz und bietet spannende Einblicke in die Welt der Geheimdienste.
Um die Spionage in der Schweiz zu unterbinden, müssten bestehende Gesetze konsequent durchgesetzt werden.
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Thomas Knellwolf ist ein Schweizer Journalist beim «Tages-Anzeiger». Er sagt: «Die Schweiz gehört zu den wenigen Ländern, die nicht konsequent gegen Spionage vorgehen.»

BZ

Darum gehts

  • Die Schweiz gilt als attraktives Ziel für Spione, besonders für russische Agenten, die von einer schwachen Spionageabwehr profitieren.

  • Trotz gesetzlicher Möglichkeiten geht die Schweiz selten gegen ausländische Spione vor, was russische und andere Geheimdienste gezielt ausnutzen.

  • Im neuen Buch «Enttarnt» beschreibt Journalist Thomas Knellwolf grosse Spionagefälle in der Schweiz.

Herr Knellwolf, Sie schreiben «Wer in der Schweiz spionieren möchte, kann das weitgehend ungehindert tun» – müssen wir uns Sorgen machen?
Leider ja. Die Schweiz gehört zu den wenigen Ländern, die nicht konsequent gegen Spionage vorgehen. Russland nutzt diese Schwäche aus. Auch China und die USA sind sehr aktiv, doch Russland agiert seit dem Ukraine-Krieg besonders aggressiv.

Das Problem: Die Schweizer Spionageabwehr ist winzig. Sie umfasst maximal 60 Personen, von denen manche nur Teilzeit arbeiten. Im Vergleich dazu, hat Russland hierzulande schätzungsweise 70 bis 80 diplomatische Vertreter, die in Botschaften und Konsulaten tätig sind und eine nachrichtendienstliche Ausbildung haben. Diese Agenten stehen unter Druck, Ergebnisse zu liefern – das gehört zu ihrem Job.

«Enttarnt» von Thomas Knellwolf

Thomas Knellwolf ist ein Schweizer Journalist beim «Tages-Anzeiger», der wie 20 Minuten zur TX Group gehört, und Autor, der sich intensiv mit investigativen Recherchen beschäftigt. In seinem Buch «Enttarnt» beleuchtet er einige der grössten Spionagefälle in der Schweiz und bietet spannende Einblicke in die Welt der Geheimdienste. Das Buch ist ab 15. Oktober im Buchhandel erhältlich.

Also ein Paradies für Spione?
Absolut. Einerseits ist die Schweiz aufgrund ihrer starken Wirtschaft, dem Finanzplatz, der Pharmaindustrie, dem Rohstoffhandel sowie ihrer politischen Bedeutung sehr attraktiv. Andererseits machen wir uns selbst zu einem Spionageparadies, indem wir unsere Neutralität als Vorwand nutzen, um nicht aktiv dagegen vorzugehen. Wer jedoch gegen Gesetze verstösst und Spionage betreibt, sollte Konsequenzen spüren – unabhängig von der Neutralität.

«Im Laufe der Zeit hat sich ein nachsichtiger Umgang mit Spionage etabliert.»

Wie können die Machenschaften der Spione unterbunden werden?
Bestehende Gesetze müssen konsequent durchgesetzt werden. In den 90er-Jahren erklärte die Schweiz vorab einige russische Diplomaten zu unerwünschten Personen, was man seither nicht mehr tat. Im Laufe der Zeit hat sich ein nachsichtiger Umgang mit Spionage etabliert. Dabei sind die gesetzlichen Grundlagen zum Wegschicken von Agenten vorhanden – der Bundesrat müsste lediglich grünes Licht geben, wenn der Nachrichtendienst einen Spion entdeckt. Doch das passiert nie. Ein grundlegender politischer Wandel wäre dringend nötig.

Wie wirken sich internationale Konflikte auf die Spionagetätigkeiten in der Schweiz aus?
Der Ukraine-Krieg hat direkte Auswirkungen auf die Schweiz, das zeigt ein Fall eines russischen Agenten, der kürzlich in Bern bei einem Händler 1000 Patronen hoch spezialisierter Präzisionsmunition erwarb. Beim Nahostkonflikt ist die Situation zwar komplexer, doch auch hier bleibt die Schweiz ein Ziel für Informationsbeschaffung. Länder wie der Iran und Israel verfolgen ihre jeweiligen Interessen und bespitzeln sich gegenseitig. Solange das ohne Gewalt abläuft, greift die Schweiz nicht ein.

«Man muss die Informationen mühsam zusammenkratzen.»

Wie schwierig war es, an Informationen über die Spionagefälle zu gelangen?
Es war eine mühsame Puzzlearbeit, die oft nur mit hartnäckiger Recherche und persönlichen Gesprächen vorankam. Man erfährt nie die ganze Geschichte, sondern muss die Informationen mühsam zusammenkratzen. Ein Beispiel dafür ist meine Recherche zu einer chinesischen Familie, die ein Hotel gleich neben dem Flugplatz Meiringen gekauft hat, wo die Schweizer Luftwaffe stationiert ist. Wir haben tagelang vor Ort recherchiert und mit Anwohnerinnen und Anwohnern gesprochen, ehe wir enthüllen konnten, dass der Schweizer Nachrichtendienst hinter dem Ganzen eine auf Jahre angelegte Geheimdienstoperation Chinas vermutet. Die Arbeit war nicht ohne Risiko: Lokale Geschäftsleute, die mit dieser Familie in Kontakt standen, machten uns unmissverständlich klar, dass eine Veröffentlichung nicht gern gesehen wäre.

«Viele Spione leben jahrelang mit einer falschen Identität im Ausland.»

Spionage kennen die meisten aus Filmen und Serien. Wie sieht die Realität aus?
Agenten sind unauffällige, fast unsichtbare Personen, die sich möglichst diskret bewegen. Viele von ihnen leben jahrelang mit einer falschen Identität im Ausland. Sie sind wie «Schläfer», die lange unauffällig in einem Land leben und auf den richtigen Moment warten, um die eigentlichen Aufträge auszuführen.

Was ist mit Schweizer Spionen? In welchen Bereichen sind sie aktiv?
Der Schwerpunkt liegt auf der Abwehr von Terror. Der Schweizer Nachrichtendienst verfügt für die Spionageabwehr nur über begrenzte Kapazitäten und konzentriert sich daher auf wenige Länder wie Russland und China. Diese Arbeit geschieht im Inland, im Ausland hat die Schweiz nach wie vor nur wenige Agenten stationiert.

Sollte die Schweiz härter gegen ausländische Spionage vorgehen?

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