KlubschuleNathalie (28) versteht nicht, warum Migros Gebärden-Kurse strich
Die Migros Klubschule streicht den Gebärdensprachkurs in Zürich aus dem Angebot. Eine Teilnehmerin und der Gehörlosenbund können diesen Entscheid nicht nachvollziehen.
Darum gehts
Eine Leserin bedauert, dass der Gebärdensprachkurs aus dem Programm gestrichen wird.
Der Gehörlosenbund bedauert diesen Entscheid.
Midcua argumentiert, sie müsse sich den Gegebenheiten anpassen.
Nathalie Müller (28) ist enttäuscht. Seit 2021 besucht sie den Gebärdensprachkurs an der Migros Klubschule in Zürich. Die Sprache fasziniert sie: «Es ist doch unglaublich, dass man ganz normale Gespräche führen kann, ohne zu sprechen», sagt sie.
Seitdem sie den Kurs besucht habe, höre und nehme sie viele Dinge im Alltag ganz anders wahr. Vor kurzem hat sie erfahren, dass es den Kurs in Zukunft in Zürich und Bern nicht mehr geben wird. «Es kam aus dem Nichts.» Die Klubschule Migros ist eine Marke der Miduca AG, die zur Migros-Gruppe gehört.
Gehörlosenbund ist enttäuscht über den Entscheid
Müller und weitere Kursteilnehmende haben der Klubschule kurz darauf ein Schreiben zugestellt, indem sie ihr Bedauern mitteilen. Die Antwort der Klubschule Migros folgte kurz darauf: «Das Marktumfeld im Bildungs- und Freizeitbereich ist äusserst dynamisch, auch, weil sich die Bedürfnisse unserer Kundinnen und Kunden in den letzten Jahren stark verändert haben.»
Bei der jüngsten Überprüfung habe sich gezeigt, dass einige regionale Kurse mit wenigen Teilnehmenden nicht weitergeführt werden können. «Um konkurrenzfähig zu bleiben, konzentriert sich die Klubschule auf Angebote, die landesweit an den meisten Klubschulen durchgeführt werden können und wo wir über grosses Fachwissen und viel Erfahrung verfügen.»
In diesem Zusammenhang habe man entschieden, einige regionale Kurse nicht mehr weiterzuführen. Die Anzahl der Teilnehmenden sei zu gering. Auf Anfrage von 20 Minuten antwortete die Medienstelle des Migros-Genossenschafts-Bunds mit einem Auszug aus dem Statement, welches auch den Teilnehmenden zugestellt wurde.
Bern und Zürich wird gestrichen – Ostschweiz bleibt
Eine Klasse in Bern wird vorerst bis März 2024 weitergeführt. Auch in der Ostschweiz werden weiterhin Gebärdensprachkurse angeboten. «Wir arbeiten eng mit dem Schweizerischen Gehörlosenbund zusammen, um für betroffene Kurs-Teilnehmende, die dies möchten, Anschlusslösungen zu finden», heisst es seitens der Klubschule.
André Marty, Mediensprecher des Schweizerischen Gehörlosenbunds, sagt: «Die Kündigung war einseitig von Miduca – wir haben ein Schreiben erhalten. Wir hätten die Kurse gerne weitergeführt.» Dass der Vertrag auf Ende Jahr annulliert wurde, sei enttäuschend.
Sprichst du Gebärdensprache?
Gebärdensprache ist neu Unesco Kulturerbe
«Wir waren über die Kündigung überrascht – in den letzten zwei Jahren wurde nie ein Kurs aufgrund zu wenig Teilnehmender abgesagt», erklärt Marty. Laut Informationen des Verbunds haben seit 2020 jährlich rund 25 Kurse stattgefunden – mit sechs bis 13 Teilnehmenden.
«Wir waren durchaus an einer gemeinsamen Lösung interessiert und haben das Gespräch gesucht. Leider hat Miduca aber keine Gesprächsbereitschaft signalisiert», so Marty weiter. Die Gebärdensprache habe eine hohe Wahrnehmung in der Gesellschaft und sei wichtig für die Sprachförderung. Seit letztem Dienstag sind die Gebärdensprachen sogar als Unesco Kulturerbe anerkannt.
Miduca argumentiert mit schwierigem Bildungsmarkt
Für Müller war die Begründung der Klubschule nicht zufriedenstellend. Sie wandte sich mit einem weiteren Schreiben an die Schule: «Als ich Ihre Antwort erhalten und gelesen habe, fühlte es sich so an, als würde Miduca meiner Gebärden-Lehrerin die Sprache wegnehmen.» Bei der Klubschule gebe es über 30 Sprachen, die man lernen könne.
«Weshalb man genau die Gebärdensprache aus dem Angebot streicht, ist für mich unerklärlich.» Die Klubschule versicherte Müller, dass die Abklärungen umfassend waren: «Wir versuchen, im schwierigen Bildungsmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Dies gelingt uns durch Konzentration unserer Ressourcen.» Deshalb habe sie das Sprachangebot von ursprünglich 55 Sprachen auf 32 reduziert. «Wir bedauern, dass auch die ‹Gebärdensprache› nicht mehr angeboten werden kann», heisst es im Antwortschreiben, welches 20 Minuten vorliegt.
Vielleicht kann Nathalie Müller doch bald wieder einen Gebärdensprache-Kurs besuchen: Gemäss Marty finden Gespräche mit anderen Bildungsinstitutionen statt, um das Angebot weiterführen zu können.
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