«Pfeile des Nordens»«Ist die Hisbollah in ihrer Existenz bedroht, greift der Iran ein»
Nach massiven Luftangriffen und Raketen auf Haifa spitzt sich der Konflikt im Nahen Osten weiter zu. Laut Israel ist eine Bodenoffensive nicht ausgeschlossen. Dazu Nahost-Experte Roland Popp.
Der Iron-Dome wehrt über Haifa Beschuss aus dem Libanon ab.
20 Min / News-ScoutDarum gehts
Die Situation im Nahen Osten eskaliert weiter: Alleine am Montag sind gemäss Angaben der libanesischen Regierung fast 500 Menschen bei israelischen Luftangriffen ums Leben gekommen.
Gleichzeitig feuerte die Terrormiliz erstmals seit letztem Herbst nicht nur Raketen aufs israelische Grenzgebiet ab, sondern Langstreckenraketen auf die israelische Grossstadt Haifa.
Der israelische Generalstabschef Herzl Halevi erklärte in der Nacht auf Dienstag, seine Armee bereite «die nächsten Phasen» des Kampfes vor.
Laut Nahost-Experte Roland Popp gibt es derzeit keine Hinweise, die auf eine unmittelbar bevorstehende Bodenoffensive hindeuten würden.
Die Situation im Nahen Osten eskaliert weiter: Alleine am Montag sind gemäss Angaben der libanesischen Regierung über 500 Menschen bei israelischen Luftangriffen ums Leben gekommen. Wie viele davon Hisbollah-Kämpfer und wie viele Zivilisten sind, ist nicht bekannt, da die Regierung diese Unterscheidung nicht macht. Gleichzeitig feuerte die Terrormiliz erstmals seit letztem Herbst nicht nur Raketen aufs israelische Grenzgebiet ab, sondern Langstreckenraketen auf die israelische Grossstadt Haifa. Israel hat am Montagabend den Ausnahmezustand ausgerufen.
Eskaliert nun die Situation im Nahen Osten?
Die Warnungen vor einem grossflächigen Krieg im Nahen Osten werden nach Israels Militäraktion «Pfeile des Nordens» immer lauter: «Man muss eindeutig von einer Eskalation sprechen», sagt Nahost-Experte Roland Popp. Nach der Attacke auf die Kommunikationsmittel der Hisbollah, zu der sich Israel weiterhin bedeckt hält, habe sich der Konflikt weiter zugespitzt.

Laut Nahost-Experten Roland Popp gibt es derzeit keine Hinweise, die auf eine unmittelbar bevorstehende Bodenoffensive hindeuten würden.
PrivatEs scheint, eine Bodenoffensive seitens Israel könnte bevorstehen.
Der israelische Generalstabschef Herzl Halevi erklärte in der Nacht auf Dienstag, seine Armee bereite «die nächsten Phasen» des Kampfes vor. Doch laut Popp gibt es derzeit keine Hinweise, die auf eine unmittelbar bevorstehende Bodenoffensive hindeuten würden. «Es ist noch kein grösserer Aufmarsch zu sehen.» Der Experte glaube auch nicht, dass Israel auf einen Einmarsch abzielt.
Das Land habe in der Vergangenheit ähnliche Schritte unternommen, etwa 1978 und dann wieder 1982. Damals habe Israel versucht, eine Pufferzone im Südlibanon einzurichten. Laut Popp habe sich diese Taktik langfristig aber nicht als erfolgreich erwiesen. «Die israelische Regierung hat die Idee einer Pufferzone bis zum Fluss Litani ins Spiel gebracht, aber selbst diese Zone würde der geflohenen israelischen Zivilbevölkerung entlang der libanesischen Grenze kaum die Möglichkeit bieten, in ihre Häuser zurückzukehren – die Hisbollah verfügt über genügend Raketen mit einer Reichweite, eine Pufferzone hätte kaum den erwünschten Effekt.»
Was ist dann die strategische Absicht hinter diesen öffentlichen Verlautbarungen?
«Das frage ich mich auch», sagt Popp. «Möglicherweise ist es einfach nur öffentliches Säbelrasseln.» Die israelische Armee stosse derzeit im Gaza-Krieg sowohl personell als auch mental an ihre Grenzen. «Eine zweite Front, wie die im Norden gegen die Hisbollah, könnte Israel in eine schwierige Lage bringen.»

Es heisst, dass Premierminister Netanjahu die Eskalation mit der Hisbollah verfolgt, um sie zu zwingen, ihre Angriffe einzustellen und die Rückkehr der Zivilbevölkerung in die grenznahen Gebiete zu ermöglichen, sagt der Nahost-Experte.
AFPStrategisch gebe es weitreichende Spekulationen: «Es heisst, dass Premierminister Netanjahu die Eskalation mit der Hisbollah verfolgt, um sie zu zwingen, ihre Angriffe einzustellen und die Rückkehr der Zivilbevölkerung in die grenznahen Gebiete zu ermöglichen», sagt Popp. Politisch könnte er versuchen, dem Druck aus den USA zu entkommen und seine Machtposition zu sichern, führt der Nahost-Experte weiter aus.
«Solange der Krieg andauert, ob gegen die Hamas oder die Hisbollah, bleibt Netanjahu politisch an der Macht.»
«Solange der Krieg andauert, ob gegen die Hamas oder die Hisbollah, bleibt Netanjahu politisch an der Macht. Sollte er jedoch seine politische Position verlieren, droht ihm nicht nur das Ende seiner Karriere, sondern auch ernsthafte rechtliche Konsequenzen. Es stehen Zivilprozesse gegen ihn an, die ihn im schlimmsten Fall ins Gefängnis bringen könnten.»
Wie reagiert die USA auf die zunehmenden Spannungen im Nahen Osten?
Laut einem Bericht der Zeitung «Ha’aretz» vom Montag, der sich auf «hochrangige amerikanische Beamte» beruft, unterstützen die USA zwar die israelischen Luftangriffe auf Hisbollah-Stellungen, lehnen jedoch eine Bodenoffensive ab. Die USA stünden laut Popp zwar weiterhin finanziell und materiell hinter Israel. Doch: «Wenn es um eigene Bodentruppen geht, ist es unwahrscheinlich, dass Präsident Biden, geschweige denn eine zukünftige Regierung unter Trump oder Harris, diesen Schritt wagen würde. Die USA haben aus ihren verlorenen Kriegen im Nahen Osten gelernt.»

Laut einem Berichten unterstützen die USA zwar die israelischen Luftangriffe auf Hisbollah-Stellungen, lehnen jedoch eine Bodenoffensive ab.
Auch der Bürgerkrieg im Libanon 1982, in dem durch Anschläge amerikanische Soldaten ums Leben kamen, habe die USA vorsichtig werden lassen. «Diese Zurückhaltung ist spürbar, auch wenn sie weiterhin politische Unterstützung signalisieren», sagt Popp.
Und was ist mit dem Iran?
Aus Teheran gab es klare und deutliche Reaktionen. Präsident Masoud Pezeshkian beschuldigte Israel, den Iran in einen Krieg hineinzuziehen, der «unumkehrbare» Folgen haben könnte. Der Iran unterstützt die Hisbollah im Libanon. Ob der Iran militärisch auf die Eskalation reagieren werde, sei ungewiss – vor allem, weil Israel bislang keine weiteren direkten Angriffe auf iranische Ziele unternommen hat, so Popp. «Sollte die Hisbollah jedoch ernsthaft in ihrer Existenz bedroht sein, glaube ich, dass der Iran eingreifen würde.» Schätzungen zufolge verfügt die Terrormiliz über 20’000 aktive Kämpfer.
Falls Iran tatsächlich eingreifen sollte, hängt die Reaktion der USA stark von der Art und dem Ausmass des iranischen Eingreifens ab, sagt Popp. «Mein Eindruck ist, dass gerade die US-Streitkräfte einen direkten militärischen Konflikt mit Iran auf jeden Fall vermeiden wollen. Innenpolitisch ist das aber in den Vereinigten Staaten anders, Iran ist vermutlich das Land auf der Welt, das wirklich die allermeisten Amerikaner als Hauptfeind ansehen.»
«In den meisten Fällen haben militärische Überlegungen, Strategien und Ziele eine höhere Priorität als symbolische Zeitpunkte.»
Kommende Woche feiern Juden das jüdische Neujahr Rosh Hashana. Am 12. Oktober folgt Jom Kippur – der höchste jüdische Feiertag. Laut Popp hätten diese jedoch keinen Einfluss auf die aktuelle Konfliktsituation: «In den meisten Fällen haben militärische Überlegungen, Strategien und Ziele eine höhere Priorität als symbolische Zeitpunkte.»
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