«Das Rennen gegen die Zeit hat begonnen»

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Ukrainische Kursk-Offensive«Das Rennen gegen die Zeit hat begonnen»

Die Ukraine hat mit der Offensive in Russland ihre kurzfristigen strategischen Ziele erreicht. Jetzt stehen die wirklichen Herausforderungen an, sagt Oberst Markus Reisner im Interview.

Im russischen Gebiet rücken ukrainische Truppen bei ihrer Offensive weiter vor.
Gleichzeitig lässt Russland bei seinen Angriffen gegen den Donbass im Osten der Ukraine nicht nach.
Kämpfe gab es demnach um viele Ortschaften auf dem Weg in das noch etwa zehn Kilometer entfernte Pokrowsk.
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Im russischen Gebiet rücken ukrainische Truppen bei ihrer Offensive weiter vor.

AFP

Darum gehts

  • Die ukrainische Offensive in Kursk hat kurzfristig Erfolge erzielt, aber Russland beginnt, die ukrainischen Vorstösse abzuriegeln.

  • Jetzt steht die Ukraine vor der Herausforderung, Ressourcen auf drei Fronten zu verteilen.

  • Trotz seiner Luftüberlegenheit kann Russland die Ukraine nicht aus dem besetzten Gebiet vertreiben. Wieso, erklärt Oberst Markus Reisner von der Theresianischen Militärakademie in Wien im Interview.

  • Die Ukraine versucht, Druck auf Russland auszuüben. Jetzt läuft ein Rennen gegen die Zeit.

Oberst Reisner, diese Offensive dauert bereits zwei Wochen. Was sagt Ihnen das?

Die Ukraine hat an günstiger Stelle überraschend und auch mit Täuschung angegriffen. Es ist ihr gelungen, die schwach besetzten russischen Kräfte – teils Verbände mit unerfahrenen Wehrpflichtigen – zu überwinden und diesen Überraschungseffekt maximal auszunutzen. Doch dieses Überraschungsmoment ist jetzt vorbei. Die Russen beginnen, die Vorstösse der Ukraine abzuriegeln. Die Initiative der Ukraine geht immer mehr in eine Defensive über.

Was denken Sie, wie lange sich die Ukrainer auf russischem Boden noch halten können?

Wir wissen nicht, inwieweit die Ukraine Reserven vorhält. So ist es schwer, eine Aussage zu treffen. Fakt ist, dass die Ukraine jetzt gezwungen ist, drei Fronten zu bewirtschaften: die lange Donbass-Front, die Front bei Charkiw und nun auch die Front bei Kursk. Sie muss jetzt entscheiden, wo sie das Schwergewicht in der Ressourcenverteilung setzt.

Von der Stadt Sudscha aus, die gleich zu Beginn der Offensive in ukrainische Hände fiel, geht der ukrainische Vormarsch Beobachtern zufolge weiter. Die Ukrainer nähern sich offenbar der russischen Kreisstadt Korenewo.

Von der Stadt Sudscha aus, die gleich zu Beginn der Offensive in ukrainische Hände fiel, geht der ukrainische Vormarsch Beobachtern zufolge weiter. Die Ukrainer nähern sich offenbar der russischen Kreisstadt Korenewo.

20min/Taddeo Cerletti/Sofie Erhardt

Wieso gelingt es Russland trotz Luftüberlegenheit nicht, die Ukrainer zu vertreiben?

Stellen wir kurz die oft nur schwer vorstellenbaren Distanzen in der Ukraine vereinfacht dar. Alleine die Front im Osten der Ukraine verläuft über fast 1200 Kilometer, also im Vergleich von Berlin bis Florenz. Die Russen haben bis jetzt mit massiven Mitteln in Süddeutschland gekämpft und müssen jetzt Kräfte in den Raum nördlich von Berlin verlegen. Das ist eine grosse logistische Herausforderung und passiert nicht von heute auf morgen. Dazu sind auch auf russischer Seite die Ressourcen begrenzt. So sehen wir jetzt - gerade was den Einsatz der russischen Luftwaffe betrifft - dass die Angriffe bei Charkiw etwas nachlassen, dafür aber bei Kursk zunehmen. Die Russen leiten die Kampfflugzeuge mit den Gleitbomben Richtung Kursk um, aber ohne die Jets, die nach wie vor im Donbass im Einsatz sind.

Pardon, mir ist weiter unklar, wieso man trotz Luftüberlegenheit den Einfall nicht zu stoppen vermag.

Erstens haben auch die Russen in den letzten 900 Tagen massive Verluste erlitten. Zweitens führen die Ukrainer zumindest leichte Luftabwehr mit, welche berücksichtigt werden muss. Drittens heisst die blosse Verfügbarkeit eines Kampfjets nicht gleich, dass er rund um die Uhr eingesetzt werden kann. Er muss gewartet und auch das Personal muss entsprechend einem Rotationsverfahren eingesetzt werden. Somit dauert es mehrere Tage, neue Schwergewichte zu bilden oder Kräfte zu verlagern.

«Nein, F16 sehen wir nicht.»

Markus Reisner

Im Kursk-Gebiet gibt es keine Verteidigungsanlagen. Wie schützen sich die ukrainischen Soldaten vor den russischen Gleitbomben und Raketen?

Es gibt zweierlei Arten der Fliegerabwehr. Sie besteht aus einer aktiven Komponente wie die F-16-Jets, welche die russischen Kampfflugzeuge auf Distanz halten, damit diese keine Gleitbomben abwerfen können. Dazu kommt die passive Komponente, bei der klassische Fliegerabwehrsysteme quasi einen Schutzschirm gegen das Vorstossen der russischen Jets bilden. Es gibt aber auch die unmittelbar wirksame Auflockerung-Massnahme: Truppen werden nicht auf engem Raum zusammengeballt, sondern verteilen sich. Auch Tarnungsmassnahmen in bewaldetem Gebiet und urbanen Räumen sind wichtig, weil man sie dort nicht leicht aufklären kann.

Sind in der Kursk-Offensive F16 involviert?

Die Ukraine hat ihre erste Lieferung von F16-Kampfjets aus US-Produktion erhalten.

Die Ukraine hat ihre erste Lieferung von F16-Kampfjets aus US-Produktion erhalten.

AFP

Nein, das sehen wir nicht. Wir sehen zwar gezielte Bombenangriffe und den Einsatz von Präzisionsbomben, doch diese werden mit hoher Wahrscheinlichkeit von ukrainischen MiG29 oder Su24 durchgeführt.

Wo sind denn die F16?

Möglicherweise sind die notwendigen Luft-Luft-Raketen oder Luft-Boden-Waffen noch nicht verfügbar. Wir erkennen aber, dass die Ukraine diese Systeme sehr wohl einsetzt. Das Dilemma ist: Um bei den angegriffenen Russen wirklich eine durchschlagende Wirkung zu erzielen, braucht es einen saturierenden Effekt: Der Gegner wird völlig überlastet und überfordert – wie bei einem Boxkampf, wo man schnell hintereinander viele Schläge anbringen muss, um den Gegner auszuknocken. Die Ukraine hat genügend Mittel, um immer wieder einen Schlag zu setzen, aber nicht genügend, um schnell hintereinander zu agieren und tatsächlich dieses entscheidende K. o. herbeizuführen.

«Jetzt holt man Kräfte, die eigentlich für die Rotation an der Front vorgesehen waren.»

Markus Reisner

Man will so viel Druck erzeugen, um die russischen Truppen aus dem Donbass ins Kursk-Gebiet zu zwingen. Danach sieht es nicht aus.

Nein. Die Russen sind im Donbass weiter auf dem Vormarsch und greifen entlang von fünf Stossrichtungen an. Ich gehe auch nicht davon aus, dass Russland den Köder schlucken und massiv Truppen Richtung Kursk verlagern wird. Man hat zwar als Erstmassnahme einige Truppen aus der Charkiw-Region entsandt. Jetzt holt man Kräfte aus der Tiefe heran, die eigentlich für die Rotation an der Front vorgesehen waren. Sie dürften nicht hervorragend ausgebildet sein und auch nicht das beste Gerät haben, aber Russland verwendet sie jetzt, um das Momentum im Donbass aufrechtzuerhalten.

«Es ist offen, ob die Ukraine diesen Vorstoss aufhalten kann.»

Markus Reisner

Ist die Kursk-Offensive mit Blick auf den Donbass auch ein Rennen gegen die Zeit?

Ja, aktuell auf jeden Fall. General Syrsky, der Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte, hat es vor kurzem gesagt: Die Russen marschieren im Donbass zurzeit 4,8 km pro Tag vor, die Ukrainer schaffen in Kursk 3,2 Kilometer. Die Russen haben also immer noch das Momentum. Es ist offen und unklar, ob die Ukraine diesen Vorstoss trotz der Erfolge in Kursk aufhalten kann.

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