Verwirrung um BegriffWann ist es ein Femizid und wann nicht?
Immer wieder ist in der Berichterstattung von einem Femizid zu lesen. Hier findest du eine Erklärung des Begriffs und dessen Verwendung.
Darum gehts
Die Verwendung des Begriffs Femizid sorgt in der Berichterstattung teilweise für Verwirrung und Kritik in der 20-Minuten-Community.
20 Minuten erklärt, was ein Femizid ist und wie wir diesen Begriff verwenden.
Der 49-jährige M. B.* tötete seine Ehefrau in Beringen und stellte sich der Polizei. Ein 33-jähriger Sportlehrer wird verdächtigt, eine 29-jährige Mutter erstochen zu haben. Die Frau wurde in einer Wohnung in Emmenbrücke tot aufgefunden. Das sind zwei Beispiele von Tötungsdelikten, die sich in den vergangenen zwei Wochen in der Schweiz ereignet haben.
In beiden Fällen wird die Tat in der Berichterstattung als Femizid bezeichnet. Die Verwendung des Begriffs sorgt teilweise für Verwirrung und Kritik in der 20-Minuten-Community. Die folgenden Abschnitte erklären, was ein Femizid ist und wie 20 Minuten den Begriff verwendet. Das Social Responsibility Board von 20 Minuten ist verantwortlich für eine nicht-verletzende Berichterstattung und lässt sich themenspezifisch von Fachpersonen beraten – wie auch in diesem Fall.
Wann verwendet 20 Minuten den Begriff Femizid? Und was bedeutet er?
20 Minuten nennt eine Tötung Femizid, wenn eine Frau oder ein Mädchen von ihrem männlichen (Ex-)Partner oder von männlichen Familienmitgliedern getötet wird. Auch zielgerichtete tödliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Kriegen, sowie tödliche frauenfeindliche Hass-Verbrechen fallen bei uns unter diesen Begriff.
Was ist, wenn die Hintergründe der Tötung noch nicht bekannt sind?
20 Minuten verwendet den Femizid-Begriff immer dann, wenn ein Mann eine Frau oder ein Mädchen tötet. Der Mann kann der (Ex-)Partner, Bruder, Cousin (...) der Frau sein oder ein ihr unbekannter Stalker.
Ist es also immer ein Femizid, wenn ein Mann eine Frau tötet?
Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen und Handhabungen. Wird eine Frau unabhängig von ihrem Geschlecht von einem Mann getötet, beispielsweise bei einem bewaffneten Raubüberfall, schreibt 20 Minuten nicht von einem Femizid, sondern von einer Tötung.
Warum werden getötete Frauen mit dem Begriff Femizid überhaupt hervorgehoben?
Laut dem Bundesamt für Statistik starben 2020, 28 Menschen infolge häuslicher Gewalt, 21 davon waren weibliche Personen. Die Täterschaft war dabei mehrheitlich männlich (71 Prozent). Frauen werden also, anders als Männer, überwiegend von ihren (ehemals) nahestehenden oder zurückgewiesenen Partnern getötet. Darum bezeichnet 20 Minuten jede Tötung einer Frau, bei der das Geschlecht mutmasslich das Motiv oder entscheidender Faktor für die Verübung der Tat war, als Femizid. Femizide sind laut Expertinnen und Experten ein gesellschaftliches Problem und nicht isoliert als Einzelfall zu sehen: Gewalt gegen Frauen werde noch viel zu oft als Privatsache betrachtet, dabei sei ein Femizid das Resultat von struktureller Gewalt, deren Ausgangspunkt in den patriarchalen Machtverhältnissen unserer Gesellschaft liege, sagt Sylke Gruhnwald vom Rechercheprojekt «Stop Femizid» gegenüber 20 Minuten.
Ist Femizid ein offizieller Begriff?
Der Begriff Femizid ist kein etablierter politischer Begriff. Es gab dazu letztes Jahr einen Vorstoss im Parlament, hier findest du das Statement des Bundesrats.
*Name der Redaktion bekannt
Fünf Frauen berichten
Zur Serie
Jede Woche überlebt eine Frau in der Schweiz einen Femizidversuch. 20 Minuten hat mit fünf Frauen gesprochen, die dem Tod nach einem solchen Angriff knapp entronnen sind. Das sind ihre Geschichten:
Dominique (30): «Mein Freund versuchte mich aus dem Fenster zu stossen»
Aline (28): «Zuerst nahm er mir Pass und Handy weg, dann ging er mit dem Messer auf mich los»
Julia (28): «Mein Freund erstickte mich fast mit dem Kissen»
Tanja (38) «Als ich die Wahrheit herausfand, wollte er mich töten»
Serena (49): «Er stach mit dem Messer auf mich ein, bis die Klinge brach»
Expertin Pia Allemann im Interview: «Auf die Eskalation folgt eine innige Versöhnung»
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Polizei nach Kanton
Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz
Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche
Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein
Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer
Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88
LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133
Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
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