Personal- und Warenmangel: Darum sitzt die Nationalbank trotz Krise auf 1 Billion Franken

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Personal- und WarenmangelDarum sitzt die Nationalbank trotz Krise auf 1 Billion Franken

Die Bilanz der SNB ist grösser als das Schweizer BIP. Trotz der Krise in der Wirtschaft schüttet sie das Geld aber nicht aus. Gegen die Personalnot und Lieferprobleme ist sie hilflos.

Die Schweizer Wirtschaft leidet unter Personalnot, Warenmangel und Preisteuerung.
Derweil baut die Nationalbank ihre Bilanz kräftig aus.
Über das Geld kann sie aber nicht frei verfügen.
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Die Schweizer Wirtschaft leidet unter Personalnot, Warenmangel und Preisteuerung.

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Darum gehts

Personalmangel, Lieferprobleme, Preisteuerung – die Wirtschaft kämpft mit vielen Problemen. Gleichzeitig steigt die Bilanz der Schweizerischen Nationalbank (SNB) und liegt seit einem Jahr über einer Billion Franken. Verteilt auf die Schweizer Bevölkerung sind das mehr als 115’000 Franken pro Person.

«Die Bilanz der Nationalbank ist unglaublich gross, grösser als das Bruttoinlandprodukt der Schweiz», sagt Karsten Junius, Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin, zu 20 Minuten. Die SNB investiert vor allem in Währungen von anderen Ländern (siehe Box).

1-Billion-Bilanz

Das Geld weckt Begehrlichkeiten. Doch die SNB könne darüber nicht beliebig verfügen, sagt J.-Safra-Sarasin-Experte Junius. «Diesen Anlagen der SNB stehen viele Verbindlichkeiten gegenüber. Diese entstehen, wenn die SNB Franken herausgibt», so Junius.

Wegen dieser Devisenkäufe blähte sich die Bilanz auf. Nötig war dies vor allem wegen der Politik des billigen Geldes der US- und EU-Notenbanker, sagt Matthias Geissbühler, Investment-Chef von Raiffeisen Schweiz. So bekämpfte die SNB eine übermässige Aufwertung des Frankens, wie Nationalbank-Sprecher Fabio Sonderer sagt.

Macht die SNB einen guten Job?

Der Gewinn der SNB betrug im vergangenen Jahr 26 Milliarden Franken, wovon ein Teil an Bund und Kantone floss. Die Nationalbank habe aber nicht das Ziel, möglichst hohe Erträge zu erzielen, so SNB-Sprecher Sonderer.

Die Nationalbank habe den Auftrag, die Geld- und Währungspolitik so zu gestalten, dass das Geld seinen Wert behalte und sich die Schweizer Volkswirtschaft angemessen entwickeln könne. Wichtiger als der Profit sei deshalb, dass die SNB die Bilanz jederzeit zu geldpolitischen Zwecken einsetzen könne.

SNB erhöht Leitzins wohl bald erneut

Die Preisteuerung bekämpft die Nationalbank mit der Leitzinserhöhung von Mitte Juni. Dafür gibts Lob. «Mit der Zinserhöhung hat sie viele Marktteilnehmer überrascht, aber eine vollkommen angemessene Entscheidung getroffen», sagt Junius.

Raiffeisen-Experte Geissbühler erwartet, dass die SNB den Leitzins im Herbst nochmal erhöhe und ins Positive drehe. Das sei eine gute Entwicklung. «Negativzinsen sind ein Unding, weil dadurch Geld keinen Wert mehr hat, was zu massiven Verzerrungen führt», so Geissbühler. Sparer bekamen keine Zinsen mehr aufs Guthaben, während Personen mit Aktien oder Immobilien massiv profitierten.

«US- und EU-Notenbank lagen katastrophal daneben»

Auch Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, lobt: «Die SNB hat zwar die Inflation auch etwas unterschätzt, lag aber nicht so katastrophal daneben wie die US- und EU-Notenbank», so Minsch. Denn in der EU und in den USA sei die Inflation derzeit deutlich höher als in der Schweiz.

Bei Lieferproblemen habe die SNB aber keine Eingreifmöglichkeit. «Die Gründe für die Lieferengpässe sind, dass China eine Null-Covid-Politik fährt, dass sich die Warenflüsse nach Corona noch nicht normalisiert haben und dass in der Ukraine Krieg herrscht», so Minsch.

Die Nationalbank könnte laut Raiffeisen-Experte Geissbühler nur mit massiven geldpolitischen Manövern und starken Zinserhöhungen die Nachfrage schwächen oder gar eine Rezession auslösen. Dann würde auch die Arbeitslosigkeit steigen, aber das wolle sie natürlich nicht. 

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