«Powerplay»US-Pharmakonzern verdient Milliarden mit schwerkranken Schweizern
Hierzulande werden 657 Patienten mit Trikafta behandelt – für Gesamtkosten von rund 68 Millionen Franken pro Jahr: Denn bei Verhandlungen über Medikamentenpreise sind meist die Hersteller am längeren Hebel.
Darum gehts
Einige hoch spezialisierte Medikamente für seltene Krankheiten erzielen exorbitante Preise.
Trikafta des US-amerikanischen Herstellers «Vertex Pharmaceuticals» etwa kostet mindestens 100’000 Franken pro Patient und Behandlungsjahr.
Dies sorgt bei Betroffenen, Krankenversicherern und dem zuständigen Bundesamt für Gesundheit für heftige Kritik.
Die zuständige Parlamentskommission hat die Beratung einer Umsatzbremse für solche Medikamente auf die Herbstsession vertagt.
In knapp einem Monat wird SP-Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider voraussichtlich den nächsten Prämienhammer verkünden – entsprechend eifrig beugt sich das Parlament derzeit über Massnahmen zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen.
Ein Kostentreiber sind hohe Medikamentenpreise – beispielsweise im Bereich der spezialisierten Wirkstoffe gegen seltene Krankheiten: Eine Packung Trikafta des US-amerikanischen Herstellers «Vertex Pharmaceuticals» etwa kostet 14’975.75 Franken.
Cystische Fibrose (CF)
Dabei handle es sich um einen sogenannten «Schaufensterpreis», wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Herstellerfirma auf Anfrage von 20 Minuten erklären. Mit «Vertex Pharmaceuticals» existiert nämlich ein vertrauliches Preismodell, wie es bei teuren Medikamenten üblich ist: Die tatsächlichen Kosten können nicht mit Sicherheit bestimmt werden – der «Heilmittelreport 2023» des Krankenversicherers Helsana geht von mindestens 100’000 Franken pro Patient und Behandlungsjahr aus.
Lebensrettende Medikamente als Goldgrube
Der Umsatz von Trikafta ist seit der Zulassung 2021 regelrecht explodiert: Mit rund 68 Millionen zählt es in der Schweiz zu den umsatzstärksten Medikamenten, obwohl nur 657 Kranke damit behandelt werden. Dabei ist Trikafta lediglich ein Beispiel – allgemein warnt der Bundesrat vor explodierenden Kosten: So lösten beispielsweise die Krebs-Immuntherapie Keytruda, der Blutverdünner Xarelto oder Humira zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen noch höhere Kosten aus.
Hinzu kommen Millionengehälter bei der US-amerikanischen Herstellerfirma: Allein Vertex-CEO Reshma Kewalramani genehmigte sich 2023 ein Gesamteinkommen von mehr als 20 Millionen US-Dollar. Ihre drei Kollegen in der Chefetage verbuchten ihrerseits Kompensationen von fast 23 Millionen.

Bei den Preisverhandlungen für hoch spezialisierte Medikamente halten die Pharmakonzerne oft sämtliche Trümpfe in ihren Händen. (Symbolbild)
20Min/Carole AlkabesDas Bundesamt für Gesundheit (BAG) betont, dass gegenwärtig kein vergleichbares Medikament zur Behandlung der cystischen Fibrose verfügbar sei. «Diese Situation ermöglicht es ‹Vertex Pharmaceuticals› sowohl in der Schweiz als auch in anderen Ländern eine starke Verhandlungsposition einzunehmen und unverhältnismässig hohe Preise für ihr Präparat auszuhandeln.»
Für Santésuisse-Chefökonom Christoph Kilchenmann steht fest: «Das ist ein Powerplay der Pharmafirmen, das darauf abzielt, überrissene Preise durchzusetzen.»
Das sagt «Vertex Pharmaceuticals»
Möglicher Lösungsansatz vertagt
Sogenannte «Kostenfolgemodelle» sehen nach Überschreiten bestimmter Umsatzschwellen Rückerstattungen in Form von Mengenrabatten vor – Kilchenmann hält die Idee für zielführend: «Damit wird verhindert, dass die Prämienzahlenden für einzelne Medikamente im Übermass belastet werden.»
Auch Reto Weibel, Präsident des Patientennetzwerks Cystische Fibrose Schweiz (CFS) begrüsst die Idee: «Bei grösserem Umsatz sollte der Preis eines Medikaments deutlich sinken.» Als Patientenorganisation setze sich die CFS in direkten Gesprächen mit Vertex «mit Nachdruck» zur Einhaltung dieses Prinzips und zur Senkung des Preises von «Trikafta» ein.

Reto Weibel erklärt, dass Trikafta Cystische Fibrose nicht heilen könne – für die Betroffenen fühle sich die Behandlung aber fast wie eine Heilung an. (Archivbild)
Tamedia/Christian PfanderGleichzeitig betont Weibel, dass die politische Debatte leider die Gesamtkostenrechnung ausblende: «Das Medikament ermöglicht auch massive gesellschaftliche Einsparungen! Betroffene, die vorher auf eine Rente angewiesen waren, können dank Trikafta ins Arbeitsleben zurückkehren, konsumieren, Steuern zahlen und sind nicht lebenslang von staatlichen Hilfeleistungen abhängig.»
Kennst du jemanden, der an cystischer Fibrose leidet?
Am Freitag hat sich die zuständige Nationalratskommission der Idee gegenüber «grundsätzlich offen» gezeigt – um Einzelheiten bezüglich der Umsetzung zu klären, soll der Vorschlag allerdings erst im Herbst aufs Parkett gebracht werden. Die Thematik dürfte auch im Nationalrat für hitzige Debatten sorgen.
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