Fashion«Textilarbeiterinnen werden ausgepresst wie Zitronen»
Secondhand-Kleidung ist der schnellste Weg zu einer nachhaltigen Modeindustrie. Jamil Mokhtar von Fashion Revolution Schweiz erklärt, wie man der Fast Fashion entkommt.
Darum gehts
- Geschätzte 92 Millionen Tonnen Textilien landen jährlich auf dem Müll. Secondhand-Kleidung gilt als die stärkste Waffe auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Modeindustrie.
- «Fashion Revolution ist eine weltweite Bewegung von Menschen, die Mode lieben und einen Systemwandel vorantreiben wollen», beschreibt sich die Organisation selbst.
- Die Community von Fashion Revolution Schweiz hat 20 Minuten verraten, wo man in Genf ganz einfach schicke Secondhand-Mode einkaufen kann. Die Übersicht findest du in der Karte unten.
- Hier gehts zu den besten Shops in Zürich, zu den besten Tipps aus Basel und zu den wichtigsten Secondhand-Läden in Bern.
Was ist die stärkste Waffe auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Modeindustrie? Wenn es nach der Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam geht, ist die Antwort eindeutig: Second-Hand-Kleidung. Geschätzte 92 Millionen Tonnen Textilabfälle produziert die Branche jährlich. Dabei hat sich die Textilproduktion seit dem Jahr 2000 verdoppelt – und zwischen 2015 und 2030 sollen die Textilabfälle der Branche um weitere 60 Prozent steigen.
Fashion Revolution stellt sich dem entgegen. «Fashion Revolution ist eine weltweite Bewegung von Menschen, die Mode lieben und einen Systemwandel vorantreiben wollen», heisst es auf ihrer Schweizer Webseite. Die Organisation will «über die Auswirkungen der Textilindustrie aufklären, Alternativen zu Konsum von Fast Fashion populär machen und so ein Umdenken und Handeln in Gesellschaft und Politik bewirken». Ein Aspekt davon: Secondhand.
20 Minuten: Herr Mokhtar, Sie sind Co-Geschäftsführer von Fashion Revolution Schweiz. Wie ist die Organisation entstanden?
Jamil Mokhtar: Fashion Revolution wurde als Reaktion auf die Rana-Plaza-Tragödie gegründet. 2013 stürzte in Bangladesch das Hochhaus ein, in dem auch Marken wie Benetton, Zara oder Mango ihre Kleidung herstellen liessen. Beim Einsturz starben mehr als 1100 Menschen, darunter viele Arbeiterinnen und Arbeiter. Fashion Revolution will auf positive Art und Weise zeigen, dass es möglich ist, für Mode keine Leute auszubeuten oder die Umwelt zu verschmutzen. 2018 kam die Organisation auch in die Schweiz und inzwischen haben wir hier fast 150 Mitglieder. Ich bin aktuell Co-Geschäftsführer.Das ist ein tragisches Ereignis. Doch gehen wir einen Schritt zurück. Was läuft grundsätzlich schief in der Modebranche?
Es gibt zwei Missstände, die alle anderen überragen: Zum einen ist das die soziale Ausbeutung durch den Export unserer Arbeitskraft in Länder mit hoher Korruption, wo Leute in sklavenähnlichen Zuständen arbeiten und ausgepresst werden wie Zitronen. Zum anderen ist es der Umweltaspekt. Die Erde und ihre Ressourcen sind endlich, doch wir haben einen enormen Überkonsum von Kleidung. Bei der Produktion enden Chemikalien in Gewässern, der Transport stösst enorme Mengen an Abgasen aus und dann ist da die Frage, was am Ende des Lebenszyklus mit der Kleidung passiert.Verraten Sie es. Was passiert mit ihr?
Alle haben es gesehen: Immer wieder gehen die Bilder der riesigen Kleiderabfallberge in der chilenischen Wüste durch die Medien. Doch diese Verhältnisse sind nicht nur in Südamerika vorzufinden. Auch in Ghana landen täglich 160 Tonnen Altkleider, oft aus Europa. Vieles davon endet auf einem Müllberg am Rand der Hauptstadt.Lässt sich von der Schweiz aus überhaupt etwas dagegen tun?
Wir glauben: Ja. Jeder kann sich vom gedankenlosen Konsum emanzipieren und mehr Wertschätzung entwickeln. Wenn man Kleidung wertschätzt, kann man nicht mehr sieben Tage pro Woche in den Fast-Fashion-Laden mit den billigsten Preisen rennen. Das Ziel ist also, auf eine Ebene zu kommen, auf der ein bewusster Umgang gepflegt wird – und das Schönste daran ist, dass man dann immer noch modisch sein kann. Wenn nicht sogar noch modischer.Das klingt sinnvoll. Doch wie wird aus einem Heavy-Shopper ein bewusster Konsument?
Das geht nicht von heute auf morgen. Als Erstes muss man die aktuellen Zustände kennen. Man muss Empathie gegenüber Menschen und der Umwelt entwickeln. Anschliessend geht es darum, zu akzeptieren, dass man selbst das Problem mitverursacht. Erst dann kann man die Konsequenzen ziehen und das Handeln anpassen.Der letzte Punkt ist wohl der Schwierigste.
Aber nicht unmöglich. Auf unserer Webseite zeigen wir, wie man der Fast Fashion entkommt. Dabei geht es beispielsweise darum, vor dem Shoppen innezuhalten und sich zu fragen: Brauche ich das wirklich? Oder darum, alte Kleidung einfach zu flicken oder abzuändern.So lässt sich wohl auch Geld sparen.
Ja. Damit sind wir auch wieder beim Thema Secondhand. Die Preise für ethische und nachhaltige Mode sind höher. Alle Leute in der Produktionskette werden besser bezahlt, die Produktionsmengen sind kleiner und die Materialien besser. Der Bewegung wird daher oft vorgeworfen, sie sei nur etwas für dicke Portemonnaies. Doch Secondhand kann sich fast jeder leisten. Das Einkaufen braucht etwas mehr Aufwand, aber in jedem Brockenhaus gibt es schöne, bezahlbare Sachen.Vom 22. bis 29. April findet schweizweit die Fashion Revolution Week statt. Als Highlight steigt am Samstag, 26. April, der Mend in Public Day. Die ganze Schweiz ist dazu aufgerufen, sich in der Öffentlichkeit zu treffen, um ihre Kleidung zu flicken. Eine Übersicht aller Events gibt’ auf Fashionrevolution.ch.Die Community von Fashion Revolution hat mit 20 Minuten zusammengetragen, wo man in Genf einfach Secondhand einkaufen kann:
Kaufst du Secondhand-Mode?
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