Gender-Debatte : «Viele wehren sich gegen den moralischen Anspruch»

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Linguistin«Mehrheit wehrt sich zu Recht gegen den moralischen Anspruch der Genderer»

Gendern fällt in der Schweiz durch. Die frühere deutsche Linguistin Heide Wegener wundert das nicht: Gendern sei eine Bevormundung mit vielen Nachteilen. 

Diskussionen rund um das Thema Gender und gendergerechte Sprache zogen jüngst viel Aufmerksamkeit auf sich. Bild von einer Demo für den dritten Geschlechtseintrag. 
Während feministische Bewegungen sich für mehr Gleichstellung einsetzen, kommt von der politischen Rechten immer wieder Kritik auf. Bild von einer Demo für den dritten Geschlechtseintrag. 
Eine repräsentative Befragung von 20 Minuten und Tamedia zeigt nun aber: Drei Vierteln der Schweizer Bevölkerung ist genderneutrale Sprache gar nicht wichtig. 
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Diskussionen rund um das Thema Gender und gendergerechte Sprache zogen jüngst viel Aufmerksamkeit auf sich. Bild von einer Demo für den dritten Geschlechtseintrag. 

Tamedia AG/Jürg Spörri

Darum gehts

  • Die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer interessiert sich kaum für gendergerechte Sprache. 

  • Das habe gute Gründe, sagt die frühere deutsche Linguistin Heide Wegener. 

  • «Die Mehrheit wehrt sich gegen Bevormundung, gegen den moralischen Anspruch, der ja schon im Begriff ‹geschlechtergerecht› steckt», sagt sie. 

  • Als emeritierte Professorin kämpft sie gegen «überflüssige, ja, unsinnige» Aspekte des Genderns. 

Eine Umfrage von 20 Minuten und Tamedia zeigt, dass vielen Schweizerinnen und Schweizern gendergerechte Sprache egal ist. Folgende Artikel sind zum Thema bereits erschienen:

Die frühere deutsche Linguistin Heide Wegener steht der gendergerechten Sprache äusserst kritisch gegenüber. Ein Gespräch über Bevormundung, moralische Ansprüche und Angela Merkel. 

Überraschen Sie die Ergebnisse der Befragung?

Heide Wegener: Nein, in Deutschland sind die Zahlen ähnlich und die Ablehnung nimmt sogar zu. «Geschlechtergerechte» Sprache ist die Sprache einer kleinen Minderheit, die aber an einflussreichen Stellen sitzt: in Unis, Schulen, Stadtverwaltungen und vor allem in den Sendeanstalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wo sie durch tägliche Sendungen den grössten Einfluss haben.

Hört man Feministinnen und gewissen Sprachwissenschaftlern zu, hat gendergerechte Sprache nur Vorteile. Stimmt das so?

Nein. Sie ist immer umständlicher, viele Formen sind kaum auszusprechen. Wie wollen Sie des/*r Patient*in, mit dem/*der Arzt/*in aussprechen? Das ist eigentlich nur schriftlich und nur im Plural zu handhaben. Für Deutschlerner wird der Erwerb einer ohnehin nicht leichten Sprache noch schwerer.

Ein Vorwurf von linker Seite lautet, die politische Rechte skandalisiere den Genderstern. Stimmen Sie dem zu?

Nein. Die politische Rechte, aber auch die Mitte verteidigt die bestehende funktionierende Sprache, den Status quo. Das ist keine Skandalisierung.

«Die Mehrheit wehrt sich zu Recht gegen Bevormundung und den moralischen Anspruch.»

Weshalb wehren sich Menschen dagegen, dass ihre Sprache verändert wird? Und wehren sie sich zu Recht?

Ja. Sie wehren sich gegen die Bevormundung, gegen den moralischen Anspruch, der sich ja schon im Begriff «geschlechtergerecht» zeigt: Also ist die Sprache der Mehrheit ungerecht? Frauenfeindlich? Die Genderer bezeichnen sich selbst als progressiv, als «auf der Höhe der Zeit», also sind die anderen rückständig. Das lässt sich niemand gern sagen.

Genderst du in deinem Alltag? 

Woran scheiden sich denn die Geister?

Der Hauptstreitpunkt ist das generische Maskulinum, durch das sich die meisten Frauen keineswegs ausgeschlossen fühlen, wenn es in Kontexten gebraucht wird, wo das Geschlecht irrelevant ist. Tatsächlich ist es in der Umgangssprache, im Alltag, mündlich, unverändert im Gebrauch, selbst bei jenen, die offizielle Statements durchgegendert abgeben, aber spontan dann doch «normal» sprechen.

«Strafen, wenn nicht gegendert wird, sollten nicht erlaubt sein.»

Was halten Sie davon, wenn Menschen, die nicht gendern, abgestraft werden, etwa an Unis?

Gar nichts, das sollte nicht erlaubt sein. Und das ist in allen Institutionen, wo Abhängigkeiten bestehen, also Unis, Schulen, Arbeitsplätzen jeder Art, ein subtiles Problem. Niemand sollte befürchten müssen, durch Nicht-Gendern etwas Falsches zu tun und sich seine Chancen zu verbauen.

Sie haben viel über und gegen sogenannte gendergerechte Sprache geschrieben. Was bezwecken Sie damit?

Ich versuche, durch einzelne Beiträge das Überflüssige, ja, Unsinnige des Genderns aufzuzeigen. Insbesondere will ich folgende Behauptungen geraderücken:

• Es handle sich um natürlichen Sprachwandel. Dazu habe ich bei der «Welt» geschrieben.

• «Wissenschaftliche» Untersuchungen zeigten, dass das generische Maskulinum nicht generisch, sondern spezifisch interpretiert werde: Die Akzeptanztests sind nicht valide, weil sie keine generischen Maskulina, sondern spezifische Nomen testen. Andere Tests zeigen, dass die Interpretation nicht von der Sprache abhängt oder dass fast keine Unterschiede bestehen.

• Durch Gendern ändere sich unser Denken, es trage zur Emanzipation der Frauen bei. Hier in Deutschland beobachten wir in Ost und West unterschiedliche Stadien der Emanzipation und unterschiedlichen Gebrauch von Sprachformen. Danach könnte man auf einen negativen Zusammenhang schliessen: Die stärker emanzipierten Ost-Frauen bezeichnen sich als Arzt und so weiter. Angela Merkel nannte sich in einem Interview im April 2023 Physiker und sagte 1991 noch: «Ich bin Minister, ich bin Realist.» Das generische Maskulinum kann als Zeichen der Gleichwertigkeit verstanden werden.

Weshalb erregt die Debatte die Gemüter derart stark?

Identität spielt eine grosse Rolle, sich diskriminiert zu fühlen, ist ein Bedürfnis von narzisstischen Menschen, die ihre Opferrolle geradezu pflegen. Ich hoffe auf die nächste Generation, die sich nicht ohne Grund die letzte nennt und die sich um echte Probleme sorgt und nicht nur um ihre Identität.


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