Angst vor Einsamkeit: Darum sind wir ständig verplant

Ein voller Kalender stresst dich? Dann sag doch einfach mal was ab.

Ein voller Kalender stresst dich? Dann sag doch einfach mal was ab.

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Psychologin erklärtAngst vor Einsamkeit: Darum sind wir ständig verplant

Social Media, Angst vor Einsamkeit und überfüllte Agenden: Warum Spontanität so oft dem Planungsdruck zum Opfer fällt – eine Expertin ordnet ein.

Stell dir vor, du lädst deine besten Freundinnen spontan zum Abendessen ein – und keine sagt zu. Vielleicht ist ein wichtiges Meeting dazwischengekommen, eventuell haben sich alle einen Magen-Darm-Käfer eingefangen. Viel wahrscheinlicher als das? Sie sind bereits seit Wochen verplant und du hast die Einladungen zu spät verschickt.

Ist die Agenda mit Hobbys, Arbeit, Sport und Anlässen zugespamt, bleibt die Spontanität oft auf der Strecke. Dabei sollen Treffen, die impulsiv aus einer Laune entstehen, doch die besten sein.

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Weniger Erwartungen

«Das liegt am Reiz des Unbekannten», sagt Danielle Meier, Psychotherapeutin aus Muri AG. «Wenn man etwas plant, malt man sich bereits im Voraus Bilder im Kopf aus», so Meier weiter. Kann die Realität mit der Vorstellung dann nicht mithalten, ist die Enttäuschung vorprogrammiert. «An spontane Treffen hat man oft weniger Erwartungen und lässt sich gerne überraschen», sagt die Psychotherapeutin. Und trotzdem tut man sich diesen Planungsstress immer wieder an. Warum?

Über die Expertin

daniellemeier.ch

Danielle Meier ist Psychologin mit mehrjähriger Coaching-Erfahrung und eigener Praxis in Muri AG. www.daniellemeier.ch

«In der wenigen freien Zeit, die uns zur Verfügung steht, wollen wir nichts dem Zufall überlassen», sagt Meier. Das zeigt auch eine Umfrage bei der 20-Minuten-Community.

«Angst vor Einsamkeit oder eine Angst vor Verurteilung anderer, spielen dabei eine grosse Rolle», so die Expertin. Wenn man nichts erlebt, kann man auch nichts posten. «Gerade jungen Menschen ist es extrem wichtig, auf Social Media zu zeigen, dass sie aktiv sind», sagt Meier. «Sie setzen sich manchmal sogar bis zur Erschöpfung unter Druck, um etwas zu posten.» Dabei plädiert die Expertin sogar dafür, sich nicht immer komplett zu verplanen. «Viele haben Angst davor, alleine zu sein und sich mit den eigenen Themen oder Problemen auseinanderzusetzen, aber Zeit für sich ist extrem wichtig für das allgemeine Wohlbefinden.»

Gerade zur Weihnachtszeit jagt ein Event das nächste.

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Heute zusagen, morgen absagen

Wer enthusiastisch allem zusagt, was der Freundeskreis vorschlägt, bereut vielleicht im Nachhinein seine Entscheidung. Besonders im Herbst und Winter haben Absagen Hochkonjunktur. Das kann zum einen daran liegen, dass man zum Zeitpunkt der Verabredung in einer anderen Stimmung war und sich jetzt lieber zu Hause einkuscheln möchte. Zum anderen fehlte vielleicht schon beim Verabreden echtes Interesse. Nur möchte das niemand offen zugeben. «Wir sind sehr auf die Zustimmung anderer angewiesen», sagt Meier. «Also verschiebt man das Problem auf einen späteren Zeitpunkt.»

Wir sind auf die Zustimmung anderer angewiesen.

Danielle Meier, Psychotherapeutin

Absagen geht schliesslich immer. Zumal Whatsapp und Co. es einem so leicht machen wie noch nie. «Heutzutage ist die Unverbindlichkeit schon sehr präsent, man muss nicht einmal mehr anrufen», sagt die Expertin. Und das ist auch okay – solange die Absage mit einer ernstgemeinten Entschuldigung verbunden ist und die Absagegründe legitim sind. «Gerade, wenn man eine strenge Woche hatte oder die Kinder krank sind, sollte das auf Verständnis stossen», so Meier.

Sind Kinder im Leben, verschieben sich automatisch die Prioritäten.

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Verschiedene Lebenswelten prallen aufeinander

Apropos Kinder: Kommt zu den Herausforderungen des Erwachsenenlebens das Grossziehen des Nachwuchses hinzu, weicht oft die Spontanität der Routine. «Prellen dann noch verschiedene Lebenswelten aufeinander, kann es kompliziert werden», sagt Meier.

Ein Vorschlag der Psychotherapeutin, damit die Freundschaft nicht darunter leidet: «Öffnet sich unerwartet ein Slot, an dem freie Zeit zur Verfügung steht, könnte man spontan abmachen.» Selbst wenn dann keine Verabredung zustande kommt, wäre dies ein Zeichen für die andere Person, dass sie einem sehr wichtig ist.

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