
Skinnytok hat sich unter anderem einen berühmten Spruch von Kate Moss zum Mantra gemacht: «Nichts schmeckt so gut, wie sich Dünnsein anfühlt.»
tiktok/mari_smith#skinnytokTiktokerinnen glorifizieren Dünnsein – Expertin schlägt Alarm
Auf Tiktok kursieren unter #skinnytok Tausende Videos mit extremen Abnehm-Tipps. Eine Expertin erklärt, warum der Trend besonders problematisch ist.
Weisst du, dass Kate Winslet während der Titanic-Pressetour Ende der Neunziger als pummelige Rebellin bezeichnet wurde? Oder dass in den frühen 2000ern Size Zero als Ideal galt? Dünnsein wurde regelrecht glorifiziert – nun klopft dieser Schlankheitswahn wieder an der Türe.
Unter #skinnytok kursieren auf Tiktok Videos, in denen mehrheitlich Frauen Tipps geben, wie man Gewicht verliert. Allerdings dreht es sich dabei nicht um gesunde Ernährung oder Fitnessmotivation – die Videos rufen dazu auf, sich mit Wasser satt zu trinken, halbe Portionen zu essen und konstant über das eigene Körperbild nachzudenken. Um skinny zu werden, brauchst du demnach vor allem eins: das Skinny-Girl-Mindset.
Hast du schon was von Skinnytok gehört?
Abnehmen mit brutalen Mantras
«Warum belohnst du dich mit einem Snack? Du bist doch kein Hund», ist nur eins der Skinnytok-Mantras, das man sich ins Gedächtnis rufen soll, bevor man zum Kühlschrank geht. «Das ist eine Strategie, um das Thema auf eine andere Ebene zu heben – es nimmt der Problematik die Ernsthaftigkeit und suggeriert, dass eine Essstörung keine echte Krankheit ist», sagt Martina Papadellis, Fachberaterin der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen (AES).
Allerdings sei eine Essstörung eine psychische Erkrankung, die tödlich enden kann – vergleichbar mit einer Suchterkrankung. «Nur ist das Suchtmittel hier das Essen – sei es zu viel, zu wenig oder einseitig», so Papadellis. Die Kontrolle über Essen sei eine Form, mit etwas anderem umzugehen, das sich nicht kontrollieren liesse.
Über die Expertin

Martina Papadellis ist Diplom-Pädagogin und Fachberaterin der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen. www.aes.ch
Eine, die als Skinnytok-Erfinderin gilt, ist Marina Zalie. Unter Titeln wie «Eat small to be small. Eat big to be big» teilt sie ihre Weisheiten mit knapp einer Million Followern. In den Kommentaren erntet sie vor allem Zuspruch – viele bedanken sich für die Tipps.
Was auffällt: Die erfolgreichsten Skinnytokerinnen sind meist um die 30. «In den frühen 2000ern – also in den Jahren, wo diese Frauen Teenager waren – gab es diese Gedankenwelt schon», sagt Papadellis. Laut Expertin verlaufen Essstörungen oft in Wellen – in der Pubertät, dann später wieder, wenn es um Familie oder eine Neuorientierung im Leben geht. «Jetzt haben sie eine Plattform, um ihre Überzeugungen weiterzugeben.»
Manches bleibt verborgen
Social Media die alleinige Schuld zu geben, wäre aber zu einfach. «Eine derartige Krankheit entsteht durch viele Faktoren, wie Familie, Erlebnisse oder psychische Resilienz», erklärt Papadellis. «Im Zweifelsfall sind die, die solche Inhalte teilen, krank. Umso wichtiger ist es, junge Menschen darüber aufzuklären, was gesunde Ernährung und ein gesundes Körperbild wirklich bedeutet», so die Expertin. Prävention müsse übrigens schon viel früher anfangen, als vermutet: «Mein jüngster Klient war neun Jahre alt.»
SOS – Was, wenn meine Freundin immer mehr abnimmt?
Jemand aus deinem Bekanntenkreis isst immer weniger oder fühlt sich von Social-Media-Inhalten getriggert?
Das kannst du laut Expertin tun:
Offen und ehrlich ansprechen
Keine Vorwürfe machen
In Ich-Botschaften sprechen: «Ich sehe, dass du weniger isst. Geht es dir gut?»
Sich über Hilfsangebote informieren (siehe Box weiter unten) und Anlaufstellen wie die AES kontaktieren
Nicht wegschauen
Zudem müsse man junge Menschen dabei unterstützen, Fiktion von Realität unterscheiden zu können. «Follower nehmen nur an einem ganz kleinen Teil des Lebens von Influencern teil – ob unter dem Shirt Shapewear ist, bleibt verborgen», so Papadellis. Nur indem man unrealistische Standards hinterfrage, lasse sich verhindern, dass Essstörungen weiter normalisiert werden.
Comeback der 2000er
Dabei sah es eine Weile danach aus, als ob die Akzeptanz diverser Körperbilder wächst. Die Body-Positivity-Bewegung gewann wieder an Bedeutung. Bilder von Schwangerschaftsstreifen wurden ungefiltert gepostet, Kleidermarken führten Übergrössen in ihre regulären Kollektionen ein.
Doch wieso ist das Schönheitsideal der schlanken Frau gerade jetzt so präsent? Zum einen wäre da der Hype um Abnehmspritzen. Zum anderen spielt das Comeback der Mode aus den 2000ern – inklusive ihrer ultra-dünnen, meist weissen It-Girls als Aushängeschilder – eine Rolle. Laut Analysen verschwinden Plus-Size-Models langsam wieder von den Laufstegen – ein Blick auf die vergangenen Fashion Weeks genügt, um dies zu bestätigen.
Bist du auf Skinnytok? Erzähl uns davon
Ob beim Scrollen oder im direkten Austausch mit der Community: Hast du schon einmal Erfahrungen mit Skinnytok gemacht? Erzähl uns im Kontaktformular davon.
Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine Essstörung?
Hier findest du Hilfe:
Fachstelle PEP, Beratung für Betroffene und Angehörige
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143
Elternberatung, Tel. 058 261 61 61
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