Syrien«Trügerische Ruhe»: Profitiert die Terrormiliz IS von Assads Sturz?
Die Lage in Syrien bleibt unübersichtlich. Schon gibt es Sorgen, dass davon die Terrororganisation Islamischer Staat profitiert.
Darum gehts
Der IS ist derzeit in Syrien ruhig, da er militärisch geschwächt wurde.
Doch politische Instabilität und Chaos bergen stets die Gefahr für eine Rückkehr der Terroristen.
Erst vor zwei Jahren hatte der IS in Hasaka einen blutigen Gefängnissturm lanciert.
Auch jetzt sind solche Szenarien wieder denkbar.
Die Lage in Syrien ist nach dem mutmasslichen Sturz des Machthabers Baschar al-Assad unübersichtlich. Während seit Tagen die islamistische Miliz Hayat Tahrir al Sham HTS von sich reden macht und dabei ist, neue Weichen für das Land zu stellen, ist es um die Terrororganisation Islamischer Staat verdächtig ruhig.
Immerhin warnte die syrische Anti-IS-Allianz zuletzt diesen Donnerstag: Kämpfer des Islamischen Staates hätten kürzlich die Kontrolle über bedeutende Teile der Wüste von Homs und Deir Ezor übernommen und zahlreiche Städte und strategische Positionen von den Regierungstruppen in Damaskus erobert.
Kurden halten Terroristen in Schach
Seit Jahren halten die kurdisch geführten «Syrischen Demokratischen Kräfte» (SDF) mit Unterstützung der US-Truppen in der «Autonomen Verwaltung Nord- und Ostsyriens» (AANES/Rojava) die Terroristen in Schach.
Allerdings kämpfen die Kurden gleich an zwei Fronten: Gegen den IS einerseits und gegen die von der Türkei unterstützten Miliz «Syrische Nationale Armee» (SNA) andererseits. «SNA sind sicher islamistisch, aber sie sind weniger ideologisch unterwegs, sondern in erster Linie türkische Söldner und Kriminelle», sagt der Nahost-Experte Thomas Schmidinger zu 20 Minuten.
Droht ein neuer Gefängnis-Sturm?
In den letzten Jahren sei es den SDF zwar gelungen, den IS massiv zu schwächen. Aber: «Chaos ist immer eine Chance für jihadistische Gruppen. Deswegen erscheint die Ruhe tatsächlich etwas trügerisch.»
Es erscheint so nicht abwegig, dass die IS-Führung nur darauf wartet, wieder zuzuschlagen und zum Beispiel zu wiederholen, was bereits 2022 versucht wurde: Vor zwei Jahren hatte der IS das Zentralgefängnis von Hasaka angegriffen und versucht, dort einsitzende IS-Anhänger zu befreien.
«Islamisten und SNA greifen die Kurden bereits an»
Es gab zahlreiche Tote, die Schlacht dauerte über Tage und wurde schliesslich von den kurdisch-arabischen SDF und mithilfe von in Nordsyrien stationierten US-Soldaten niedergeschlagen.
«Dass sich im Chaos IS-Kämpfer aus Gefängnissen befreien, ist ein nicht ganz unrealistisches Szenario», so Terrorexperte Peter Neumann vom London King's College. «Wir sehen ja bereits, dass die islamistischen Rebellen zusammen mit der von der Türkei unterstützten SNA die Kurden in Manbij und andernorts angreifen.»
Steigt die Terrorgefahr jetzt bei uns?
Steigt in Europa die Terrorgefahr mit den Ereignissen in Syrien – die Frage geht an Peter Neumann, Terror- und Sicherheitsexperte am Londoner King's College: «Nicht unmittelbar, langfristig aber schon, denn Chaos in Syrien könnte wieder einen Rückzugsort für Jihadisten schaffen. Und wir wissen ja aus Afghanistan, den Irak, Libyen und Syrien selbst, dass Bürgerkriege immer auch Brutstätten für Terrornetzwerke sind.» Was «langfristig» bedeutet, komme drauf an, wie schnell die Situation in Syrien ausser Kontrolle gerate – «und ob und wie sich der Westen engagiert.»
«Der IS bleibt gefährlich»
«Grundsätzlich haben strategische Landgewinne der SDF etwa in der Region Deir ez-Zor die Sicherheitslage nach und nach verbessert», sagt Politologe Schmidinger. «Was für den IS natürlich die Sache völlig ändern wird, wäre, wenn jetzt die Türkei und ihre Milizen vor Ort die SDF noch stärker bekämpfen würden.»
Ein Worst-Case-Szenario wäre es etwa, wenn die von der Türkei unterstützten SNA-Kämpfer sich stärker einbringen würden: «Die SNA und ihre Verbündeten könnten im Auftrag der Türkei die syrischen Kurden unter Druck setzen und damit beginnen, in den von ihnen kontrollierten Gebiet in Nordostsyrien die Gefängnisse mit IS-Kämpfern zu öffnen», so Schmidinger. «Der IS bleibt gefährlich, wenn Kräfte wie die SDF durch Angriffe der SNA geschwächt werden.»
Deir Ezor unter SDF-Kontrolle
Diese Sorge beschäftigt auch die syrischen Kurden: «Der dramatische Zusammenbruch der Regimekräfte schafft ein Vakuum, das mit Sicherheit von der Organisation IS ausgenutzt werden wird, die nach wie vor eine Bedrohung für die gesamte Region darstellt», so ein SDF-Vertreter.
Die syrischen Regierungstruppen hätten ihre Stellungen offenbar aufgegeben. Deswegen habe man SDF-Kämpfer zur Sicherung der wichtigen östlichen Stadt Deir ez-Zor geschickt, so SDF-Sprecher Farhad Shami. Denn in diesem Wüstengebiet ist der IS noch besonders aktiv.
Weitere Artikel zum Thema
13 Jahre Krieg und Terror – so wurde Diktator Assad gestürzt
«Assad-Regime ist tot»: So sieht Rebellen-Chef die Zukunft Syriens
Neue Ordnung nach Assad: Kommt es wieder zu Flüchtlingsströmen?
Baschar verdankt seine Karriere dem Autounfall seines Bruders
Von der modernen Frau zur Hassfigur : Das ist Syriens Ex-First-Lady
Rebellen befreien Frauen und Kinder aus Assads Foltergefängnis
Rebellenvideo: Hier hortete Baschar al-Assad seine Luxusautos
Nach SEM-Entscheid: Werden Syrer in der Schweiz bald abgeschoben?
Folgst du schon 20 Minuten auf Whatsapp?
Eine Newsübersicht am Morgen und zum Feierabend, überraschende Storys und Breaking News: Abonniere den Whatsapp-Kanal von 20 Minuten und du bekommst regelmässige Updates mit unseren besten Storys direkt auf dein Handy.